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weltwärts in Togo

Ich habe ein Jahr lang in einem kleine Krankenhaus in Kpalimé als Freiwillige gearbeitet. Das CMS Solidarité hat circa 30 Betten für stationäre Behandlung, ein Labor, eine Apotheke, die medizinische Abteilung und die Entbindungsstation.

Name:Judith G.Einsatzstelle:ASTOVOT-07 Medical Assistance (OSV Solidarité), Kpalimé, TogoInhaltliche Ausrichtung:Gesundheit

Um jeden Bereich kennen zu lernen war ich zuerst im Labor und in der Patientenpflege, bevor ich meinen eigentlich Platz in der Entbindungsstation eingenommen habe. Es gibt 28 Mitarbeiter in den verschiedenen Bereichen und als ich ankam eine weitere Freiwillige, die im September schon in das Projekt integriert worden war. So hatte ich einen tollen Anschluss und sogar ein eigenes Büro, um zusätzliche Arbeiten oder Projekte zu organisieren, die dem Solidarité zu Gute kamen.

Genau wusste ich natürlich nicht, was mich erwartet in diesem Krankenhaus. Nachdem ich in Deutschland und Frankreich schon den Krankenhausalltag kennen gelernt habe, war ich mir sicher, dass es eine ganz andere Erfahrung werden wird. Ich habe mich auf ein medizinisches Projekt beworben, um meine Wartezeit auf einen Studienplatz für Medizin in Deutschland zu überbrücken und die Zeit sinnvoll zu gestalten. Unabhängig davon ist eine solche Erfahrung, egal in welchem Lebensabschnitt, eine unglaubliche Bereicherung für alle Beteiligten. Das Projekt hat meiner Erwartung auf jeden Fall entsprochen, wenn auch die große Chirurgie und spezielle Fälle in das große Bezirkskrankenhaus (CHP Kpalimé) referiert wurden. Ich konnte mich gut integrieren und wurde sehr nett aufgenommen. In kurzer Zeit war ich angekommen und steckte  mitten im Geschehen. Man muss allerdings auch lernen, dass eventuell Tage vergehen, an denen man im eigentlichen Aufgabenfeld nicht sehr viel zu tun hat, da der Besuch der Patienten wetter-und geldabhängig ist.

Diese Zeit habe ich dann genutzt, um kleine Initiativen zu ergreifen, wie Namensschilder für das Personal  oder Informationsplakate für die verschiedenen Abteilungen zu fertigen. Außerdem war es immer möglich sich frei in den Abteilungen zu bewegen, wenn in der Entbindungsstation nichts los war. Zum Beispiel am Empfang zur Patientenaufnahme, Pflege der stationären Patienten und ebenso im Labor zum Blut abnehmen oder archivieren der Laborwerte und Ergebnisse. Am Ende meines Aufenthalts war ich in der Sprechstunde des Assistant Médical (Arzthelfer mit 3-jähriger, sehr praxisnaher Ausbildung, die in Togo die fehlenden Ärzte ersetzten) und habe einen umfassenden Einblick in mir noch unbekannte, verschiedenartige Krankheitsbilder bekommen. In der Entbindungsstation selbst habe ich bei allen Aufgaben mitgewirkt, soweit es sprachlich und fachlich möglich war. Darunter natürlich gynäkologischen Untersuchungen, Familienplanung und Familienberatung, Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftsbegleitung, sowie Geburten, Pflege erkrankter schwangerer Frauen, Säuglingspflege und Aids/HIV-Beratung und Behandlung. Oft gehörte dazu auch die Unterlagen auszufüllen und Akten zu komplettieren, die Hauptaufgabe lag bei der Hebamme und den Entbindungshelferinnen. Die Nachtschichten, die ich nach einiger Zeit begann, haben mir noch eine ganz andere Verantwortung abverlangt und Einblick in das Geschehen erlaubt, wenn auch die eine oder andere Nacht ohne Arbeit verstrich.

 


Generell habe ich morgens um 7Uhr angefangen und bin bis 13Uhr geblieben, die Wochenenden und Feiertage waren frei und ich hatte insgesamt 30 Urlaubstage. Mit den Nachtschichten hat sich mein Arbeitsrhythmus natürlich etwas verändert, aber auch interessanter gestaltet. Wenn gerade etwas Wichtiges anstand, die Pflege nicht beendet war oder eine Geburt stattfand, waren meine Arbeitszeiten auch recht flexibel, wenn ich wollte. Gelohnt hat es sich immer für spannende Fälle da zu bleiben, denn nicht jeden Tag hatte man die Chance etwas erleben oder lernen zu können.
Untergebracht war ich, wie alle weltwärts-Freiwilligen in einer Gastfamilie. Leider hat das Zusammenleben in der ersten Familie nicht sehr gut funktioniert und nach einem halben Jahr habe ich die Familie gewechselt. Dort hatte ich mein eigenes Zimmer in einem großen Hof mit Familienmitgliedern und Mietern. Es war eine wundervolle Erfahrung in einer togoischen Familie leben zu dürfen. Für mich ist es meine togoische Familie, wir haben immer noch Kontakt und werden viele unserer gemeinsamen Erfahrung weiter im Herzen tragen und uns an schöne Momente erinnern können. Auch die erste Familienerfahrung war auf ihre Weise bereichernd. Die sehr schwierige Situation hat viel Kraft gekostet aber auch neue Lebenserfahrung bedeutet im Umgang mit fremden Menschen und kulturellen Eigenheiten und Familienstrukturen.

Ich denke die Erfahrungen, die man sammeln kann, wenn man in einer Familie lebt sind noch näher und authentischer als, wenn man für sich oder unter Freiwilligen lebt. Sich auf bestimmte Lebensweisen wirklich einzulassen, los lassen zu können, von den gewohnten Umständen, Gesprächen und Umgehensweisen. Es ist eine wirkliche Bereicherung, wenn man anerkannt wird als echte Tochter oder Sohn der Familie, wenn man die Höhen und Tiefen mitbekommen darf, die vielleicht an einem vorbei gehen, wenn man nicht in einer Familie lebte. Auch wenn ich mich nach sehr unabhängigem Leben in Deutschland wieder daran gewöhnen musste, unter der Verantwortung meiner togoischen Eltern zu stehen.  Die örtlichen Gegebenheiten und Gepflogenheiten verlangen ein neues Verständnis für eine so andere Art von Freiheiten und Verpflichtungen. Trotzdem habe ich es in vollen Zügen genossen, diese Erfahrungen zu machen.

In der ersten Gastfamilie war die Verständigung etwas schwierig, da meine Gastmutter kaum französisch konnte. Ich habe einen Ewe-Lehrer kennengelernt und habe mit ihm das Jahr über Ewe gelernt, sodass zumindest mein Verständnis für die Sprache wachsen konnte. Ich habe tatsächlich angefangen bestimmte Dinge zu verstehen, wenn der eigene Ausdruck auch noch sehr holprig war. Trotzdem kann ich es nur jedem ans Herz legen sich für die Sprache einzusetzen, denn nicht nur französisch ist eine wichtige Grundvoraussetzung für eine gute Integration in die Arbeits- und Privatwelt, die lokale Sprache kann einem noch einen ganz anderen Eindruck von Land und  Leuten verschaffen. Abgesehen davon sind die Akzeptanz und der positive Eindruck eines Freiwilligen, der sich für die Sprache interessiert und bemüht, sichtlich größer nach meiner Erfahrung. In der zweiten Gastfamilie gingen bestimmte Floskeln ganz automisch in meinen Wortschatz über, dort wurde mein Spracherwerb auch seitens der Familie gefördert und gepflegt. Es gibt selbstverständlich auch noch eine ganz andere Art von Verständigung, die eine große Rolle spielt. Um die Kultur kennen zu lernen und sich wohl zu fühlen, ist es meiner Meinung nach wichtig einfach sehr offen zu sein ohne bestimmte Grundbedürfnisse, die man hat zu vernachlässigen. Das Miteinander spielt eine enorme Rolle und die Privatsphäre ist nicht zu vergleichen mit einem europäischen oder deutschen Leben. Vieles spielt sich in der Öffentlichkeit ab und dort wird man auch kennen gelernt und geschätzt. Sich Dinge zu trauen und man selbst zu sein hilft in jedem Fall dabei sich wohl zu fühlen und von den anderen Mitmenschen kennen gelernt zu werden.

Betreut wurde ich vor Ort von der Partnerorganisation ASTOVOT, die sich um die Gastfamilien und die Betreuung im Projekt kümmert. Mit den festen Mitgliedern finden auch die 3monatlichen Zwischenseminare statt und gegebenenfalls ein Workcamp am Ende des Aufenthalts. Die Organisation hat ihren Hauptsitz in Kpalimé selbst und man kann jederzeit bei der Koordination oder dem Präsidenten vorbei kommen, sich Bücher ausleihen, Informationen erfragen oder einfach so besuchen. Die Betreuung im Projekt hat bei mir zweimal stattgefunden, aber mit sichtlichem Willen die Kritikpunkte ernst zu nehmen und auszuarbeiten. Insgesamt hatte ich weniger mit der Partnerorganisation zu tun, als ich am Beginn dachte, doch kann man das nach Wunsch selbst in die Hand nehmen. Außerdem hatte ich noch einen Ansprechpartner im Projekt selbst, der für die Planung meines Dienstes zuständig war und da es kaum Sachen gab, die zu diskutieren wären, war ich das Jahr  gut aufgehoben. Immer war auch die IJGD bei Fragen oder Auswertung der Zwischenberichte da und super zuverlässig ansprechbar. Die Vorbereitung mit den anderen Freiwilligen zusammen hat nicht nur großen Spaß gemacht, sondern hat mich das Jahr über immer wieder begleitet. Durch Buchtipps und Denkanstöße oder andere Einheiten beim Vorbereitungsseminar konnte ich immer wieder davon profitieren und mich erinnern.

Dieses Jahr wird unvergesslich sein. Nicht nur im Bereich des Erwerbs von fachlichen Kenntnissen und Sprachkenntnissen, sondern ein Jahr eingetaucht in eine vollkommen andere Welt, in einen vollkommen anderen Lebensstil und mit anderen Ansprüchen an sich und die Umwelt, die Erinnerungen und das Aneinanderwachsen mit den Menschen vor Ort, die neue Sichtweise auf manche Dinge im hiesigen Leben, all das wird mich mein Leben lang begleiten. Ich bin mir sicher, dass man sich schnell wieder an das deutsche Umfeld gewöhnt, doch natürlich gibt es immer wieder Punkte, an denen man an Togo denkt, an die Erfahrungen dort, an ein Verständnis, das man aufbauen konnte, dass nur durch die große Distanz möglich war. Loslassen zu können von alten Gewohnheiten und erfahren zu können, wie weit und unterschiedlich das Leben sein kann ist ein Reichtum. Die  zwischenmenschlichen Beziehungen, die Liebe zu Land und Leuten werde ich niemals vergessen können. Ich hoffe einen kleinen Beitrag zu einem komplexeren Verständnis für globale Prozesse und zur Offenheit für Andersartigkeit oder eben Gleichheit geleistet zu haben.

Ich durfte vieles lernen und kann jedem, der sich auf ein Jahr wirklich anderes Leben einlassen kann nur dazu raten diesem Bedürfnis zu folgen. Man lernt sich und andere ganz neu kennen und wird vielleicht zum Multiplikator für ein Leben in Verständnis und Respekt.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.