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weltwärts in Togo

Vorrangig wollte ich dieses weltwärts-Jahr machen, um meinen Horizont zu erweitern und sicher auch, um einen Beitrag zu leisten. Die Erkenntnis, dass dieser Beitrag anders ausfallen würde und ich auch viel kritischer über diesen „Beitrag“ denken würde, kam erst später während des Jahres.

Name:Julius H.Einsatzstelle:ASTOVOT-12 Teaching Assistance (English), Kpalimé, TogoInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Ich habe mit einem weiteren Freiwilligen namens Felix am Collège Kpodzi in Kpalimé gearbeitet. Er Mathe, ich Englisch. Die Schule hatte rund 1800 Schüler mit Klassenstärken von 60 bis 110 Schülern. Der Direktor vertraute uns jeweils einem Kollegen an. Von nun an sollte ich Monsieurs Segbaya, einem älteren, beleibten Mann, der sehr langsam über den Boden schlürfte, im Unterricht assistieren. Ich hatte keine wirkliche Vorstellung, wie ich ihm beim Unterricht assistieren könnte und ich glaube er wußte es selbst auch nicht so recht. Aber Segbaya ist ein sehr sympathischer, oft lächelnder Kerl und ich hab mich schon ab den ersten Tag sehr gut mit ihm verstanden.

Am ersten Tag kam ich pünktlich zur Schule und war natürlich völlig aufgeregt vor der ersten Stunde, umsomehr da Segbaya einfach nicht aufkreuzte. Fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn bin ich dann in die Klasse gegangen, wo mich dann eine Scharr von Kindern entgeistert anstarrte (sie wußten natürlich nichts von meinem Erscheinen), habe mich als der neue Praktikant vorgestellt und als Einstieg englische Singspiele mit der Klasse gespielt. Nach einer halben Stunde kam dann auch Segbaya und hat sich gefreut, wie gut ich mich doch anscheinend mache. Uff. Letztlich übernahm ich dann nach zwei Wochen vollständig zwei 9. Klassen. Die 4ème² mit 62 Schülern und die 4ème³ mit 90 Schülern. Die Schüler haben sich sehr schnell an mich gewöhnt, so wie es für mich nach kurzer Zeit das Normalste war vor rund 90 Köpfen stehen und den Unterricht zu schmeißen. Das Unterrichten war auch täglich lehrreiche Herausforderungen und Bewährungsproben zu bewältigen. Vieles, was ich mir vorher ausdachte, ging voll in die Hose. Das Belohnungssystem mit Bonbons sollte sie ermutigen, so hoffte ich, sich einzubringen, selbst wenn sie sich nicht hundertprozentig sicher sind. Letztlich wurde der Klassenraum von den Schülern zusammengebrüllt, ohne dass ich eine Frage zu stellen brauchte. Ab sofort verschwanden die Bonbons. Leider wurde auch nichts aus dem alternativen, methodenorientierten Unterricht, den ich mir vorab im Kopf zusammengebastelt habe. Gruppenarbeit war bei der Klassendichte sehr schwer- es gab einfach keinen Zentimeter Platz mehr. Später wurde mir auch klar, dass dem „Unterricht für alle“ nicht zu dienen war: Die 12-jährige Akpene war dem 17-jährigen Kokou um Jahre voraus. Es gab viele Niederlagen und oft hat mich Felix zähneknirschend den Klassenraum verlassen gesehen und mit großen Augen in der Paillot empfangen. Letztlich wurde es dann doch der altbewährte Frontalunterricht, den ich mit kurzen Theaterstücken und unendlich vielen Liedern aufzuheitern versuchte.
Es gab aber auch fantastische Stunden in den Klassenräumen, bei denen ich mich schlapp lachen konnte oder einem das Herz aufgeht, wenn man den Eifer eines Schülers verwirklicht sieht. Das waren dann Tage, an denen man mit einem Grinsen den Klassenraum verläßt. Es gab unzählige schöne und lustige Momente. Stressig war zwar oft das Kontrollieren der Arbeiten, aber wenn ein Schüler satt „country“ dann „cunt tree“ schrieb, dann hatte man wenigstens mal etwas Aufheiterndes.

Letztlich habe ich nicht mehr und auch nicht weniger als meine Kollegen geleistet und Segbaya war dankbar für die Entlastung (Er bekam während des Jahres eine ganz böse Infektion, die alle Nervenenden in seinem Bauch beschädigte. Das schmerzt.) Ich möchte zwar kein Lehrer mehr werden, aber ich werde auch keine Stunde im Klassenzimmer oder mit den Kollegen, die uns übrigens super in ihr Kollegium integriert haben, am Kpodzi missen. Der Beitrag, den ich leisten wollte, war anders, als ich es mir ausmahlte und doch gleich bedeutsam. Es war der Austausch auf kultureller Ebene.          

Zuerst lebte ich unweit der Schule bei meiner Gastfamilie. Es war ein großes Haus am Rande Kpalimés. Ich hatte 10 Gastgeschwister, die mir mit der Zeit alle ans Herz wuchsen. Ich hatte mein eigenes Zimmer im Haus mit einem Bett und zwei Tischen: Einer für Wäsche und der Andere als Schreibtisch. Geduscht wurde sich draußen hinter einer Ziegelsteinmauer und das Plumpsklo diente den anderen Bedürfnissen. Ich hab mich relativ schnell in die Familie integriert, aber es gab zunehmend Reibereien mit meinem Gastvater, bis ich dann nach 6 Monaten schließlich auf Anraten von ASTOVOT die Gastfamilie wechselte. Dieser Entschluß prägte den gesamten weiteren Verlauf des Jahres, aber es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen und die Familie Ahli konnte nicht mehr eine wirkliche Familie für mich sein, als sie es ohnehin schon war. Ich habe viel Zeit mit meinem Gastbruder Yao verbracht. Es gibt Menschen, die verbreiten sogleich gute Laune, wo sie aufkreuzen.
 
Effektiv stand ich zwei Stunden am Tag im Klassenzimmer. Dazu kam dann noch eine Stunde Vorbereitungszeit und noch eine Stunde für die Repetitionskurse oder in Bibliothek für die Association L.I.R.E. So blieb auch Zeit für seine eigenen Aktivitäten. Oft hieß es „Ich bin mit Volontär X im Mandela ein Tonic trinken.“ oder „Ich geh nur mal schnell auf den Markt.“ Kpalimé ist eine Stadt, durch die man gerne schlendert oder gerne auch ein Moto nimmt. Kurze Abstecher konnten dann doch mal mehrere Stunden dauern und wenn man zu Hause blieb dann hat man überdurchschnittlich mehr gelesen, als in Deutschland- nicht aus Langeweile, aber die Afrika-/Entwicklungsliteratur, mit der man sich dort beschäftigt, wirkte intensiver, wenn man quasi vor Ort ist und sich aus persönlicher Erfahrung kritischer damit beschäftigt.
Drei von uns Volontären sangen auch noch eine Zeit im Chor der Kathedrale von Kpalimé. Dort traf ich z.B. auch Wouly, einem äußerst musikalischen Menschen, der sich zu einem der wenigen einheimischen, echten Freunde entwickeln sollte und dem ich ab dann Gitarrenunterricht gab, währenddessen er mir das Singen näher brachte.    

Das Jahr hatte seine Höhen und Tiefen, aber insgesamt gab es keine prägendere Zeit als dieses Jahr in Togo. Es hat mich durchaus verändert. Manchmal stell ich mir vor ein Wörterbuch zu sein. Zwei Spalten: Links die deutsche und rechts die togosche. Dieses Wörterbuch ergibt ohne eine der Spalten keinen Sinn mehr und so sieht es auch mit meinem jetzigen Selbstverständnis aus. Solche Erfahrungen begleiten einen das Leben lang.

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