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weltwärts in Indien

Fünfter Oktober 2013, Regensburg. Eine außergewöhnliche Zeit ist für mich vorüber. Doch sie wird noch lange nachhallen. Als ich meine Pläne schmiedete, hatte ich die Bilder und Ideen, die mir begegnen sollten, nicht im Kopf. Wie auch?

Name:Manuel K.Einsatzstelle:FSL-02 - Support worker for students with physical and learning disabilities within Chaitanya Special School in KundapurInhaltliche Ausrichtung:Bildung/Soziale Arbeit

Niemals war ich länger als zwei Wochen am Stück verreist oder außerhalb Europas. Gerade die Länge ließ mich mit meiner Bewerbung zögern. Doch wollte ich diese Erfahrung machen mit allen Herausforderungen, die dazu gehören. Letztendlich überzeugte mich auch das weltwärts-Programm, mit seiner Ausrichtung als Lerndienst und mit seiner Vor- und Nachbereitung und Begleitung. Rückblickend war es insgesamt eine tolle Entscheidung.

Die Vorbereitungen auf meine Ausreise liefen zwar immer mit Ungewissheit, über das was kommt, einher, doch ansonsten ohne Probleme. Die Vorbereitungsseminare (10 Tage in Deutschland und 5 in Indien) und die Begegnungen mit anderen Freiwilligen waren für mich eine echte Bereicherung und soweit möglich bereiteten sie mich gut vor.

In meinem indischen Alltag angekommen, hatte ich ordentlich zu staunen und zu lernen. Mir war klar, ich werde ohne Besteck, Waschmaschine, Klopapier und vieles andere leben, ausprobiert hatte ich es aber nicht. Eine größere Umstellung forderten der Verkehr, die Kommunikation und vor allem der Umgang, mit den Menschen. 

Ich durfte der erste Freiwillige in meiner Gastfamilie sein und wahrscheinlich der erste Ausländer, der mit ihr sprach. Die Familie bestand aus Vater, Mutter und einem Jungen und einem Mädchen, die jetzt beide studieren. Anfangs waren wir sehr neugierig aufeinander und vorsichtig im Umgang miteinander. Meine Familie erzählte mir später sie hatten Bedenken bevor ich ankam, ob mir das Essen schmecken würde und wie sie mit mir reden sollten.

Die zwei warmen Speisen täglich und meine Lunchbox waren großartig und mit jedem Familienmitglied hatte ich nette Gespräche. Besonders die Gastmutter berichtete mir viel, von indischen Mythen bis hin zum Ablauf einer Heiratsvermittlung. Am meisten Probleme hatte ich zu Beginn mit dem Englisch der Studenten, die in der Mietwohnung der Familie wohnten. Wir wurden trotzdem gute Freunde und ich besuchte sogar deren Familien und feierte meinen Geburtstag mit ihnen. Abgesehen von einem Monat in dem ich mir mein Zimmer mit einem Freiwilligen teilte, war ich allein untergebracht. Moskitonetz und Ventilator sind auch Dinge, die ich bis dahin nicht so oft benutzt habe. Mein Zimmer hatte einen Balkon mit Ausblick auf Palmen und unseren Brunnen. Darunter wohnten die zwei Hunde der Familie im Zwinger.

Der Schulweg bestand aus 17 Minuten Fußmarsch auf einer belebten und lauten Straße, ich konnte Teile davon auch mit dem Bus fahren. Alle durchschnittlich 18  Schüler im Alter von 7 bis 37 haben verschiedene geistige und körperliche Behinderungen. Am meisten vertreten waren Downsyndrom und Autismus. Um 10 Uhr beginnt der Unterricht mit einem gemeinsamen Gebet. Die Lehrer der Schule leiteten täglich Yoga- oder Gymnastikübungen an, unterrichteten in getrennten Klassen und boten andere Aktivitäten an. Es wurde gespielt, gemalt, gebastelt, getanzt, gelacht und miteinander gegessen. Nur Zähneputzen, Spazierengehen und Gymnastikübungen mit einzelnen Schülern wurden uns alleine überlassen. Den zeitweise anwesenden anderen Freiwilligen und mir wurden relativ freigestellt, wie wir uns in den Tagesablauf integrierten, deshalb mussten wir uns viel selbst ausdenken und uns motivieren.

Meine Kontaktperson, die Schulleiterin Leela, konnte ich immer um Rat fragen oder um Hilfe bitten, wenn ich nicht zurechtkam. Sie setzt sich sehr für die Schule ein, kennt die Schüler gut und ist viel mit Schreibtischarbeit beschäftigt.  Am Anfang des Jahres hatte ich nach Schulende, um 16 Uhr, fast täglich Programm. Bei einem Tanzkurs, bei dem von der Partnerorganisation  organisierten Sprachkurs und bei Basketballspielen konnte ich in Kundapur mitmachen. Über das ganze Jahr blieb ich nur beim Yoga um 5:40 im Tempel, beim Karatetraining und beim abendlichen Treffen der Freiwilligen jeden Mittwoch. Sonst war meine Freizeit geprägt von Ausflügen zum Strand, Zeit mit meiner Gastfamilie, Einkäufen und Bekanntschaften die ich im Ort machte. Einige Wochen verbrachte ich mit  Reisen, Meditations- und Yogakursen. Dabei konnte ich das Land nach meinen Interessen erkunden und viele wunderbare Erfahrungen sammeln. Während der Winter- und Sommerferien wurden Freiwillige aus Schulprojekten in ein Projekt für Meeresschildkröten und in ein christliches Heim geschickt.

Mit ijgd hielt ich das Jahr über Kontakt. Alle drei Monate musste ich einen Fragebogen ausfüllen, einmal wurden wir besucht und sonst gab es durchgehend E-mailwechsel.
Die Partnerorganisation FSL-India stellte einen Mentor, der mich monatlich im Projekt Besuchen kam, bei Problemen ansprechbar war und monatlich Berichte einforderte. Während und am Ende des Jahres veranstaltete FSL-India Treffen aller Langzeitfreiwilligen zum Reflektieren, Austauschen und Probleme besprechen. Glücklicherweise lief bei mir alles ohne größere Schwierigkeiten.  Das heißt nicht, dass ich nicht mit dem neuen Umfeld, den Methoden und Umständen des täglichen Lebens und meiner Schule oder mir selbst zu kämpfen hatte. Lärm, Schmutz, Taxifahrer, Bestrafungen im Unterricht, Verhandeln um Preise, falsche Wegbeschreibungen, Verspätungen, etc. können einen schon mal auf die Palme bringen. Es hat aber meist ein gutes Ende genommen. Ich werde auch nicht von jedem Fehler erfahren den ich gemacht habe. Rückblickend gesehen waren es Herausforderungen, die zum gelassen werden, zum sensibel sein und zum neu bewerten anregen. Darüber hinaus lernt man mit neuen Umständen zurechtzukommen und bekommt einen weiten Blick über den Tellerrand. Ich fand in Indien, Kundapur und meiner Gastfamilie ein zweites Zuhause und eine für dieses Jahr erfüllende Arbeit. Ich war immer froh darüber, mich damals für diesen Schritt entschieden zu haben.

Seit ich hier in Deutschland bin sehe ich mit neuen Augen. Manches ist langweiliger geworden, anderes dafür umso wichtiger. Meine Studienpläne haben sich erst einmal nicht geändert, doch weiß ich jetzt eher was mir wichtig ist. Gelegentlich wünsche ich mich zurück zu meiner Gastfamilie, den Menschen aus Chaitanya School oder einfach den Erfahrungen, die ich in Indien machen durfte.

Liebe Grüße Manuel

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