Zum Inhalt springen

weltwärts in Indien

An meinem ersten Tag in Indien, den ich in Bangalore verbrachte, musste ich mir meine Motivation, elf Monate über den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts an einer lokalen Schule in der Nähe von Kundapur mit den Lehrern im Schulwesen mitzuarbeiten, noch einmal ins Gedächtnis rufen.

Name:Larissa S.Einsatzstelle:FSL-03 Assistance to Higher Primary School Teacher in Hosadu Higher Primary SchoolInhaltliche Ausrichtung:Bildung/Soziale Arbeit

Das Stadtleben in Bangalore hatte mich, die müde vom Flug war, voll erwischt und die Straßen voller Menschen und der Lärm überforderten mich in meinen ersten Stunden auf dem indischen Subkontinent. Der Kulturschock ließ nicht lang auf sich warten und überrumpelte mich vollkommen. Am liebsten wollte ich mich in unser kleines, nach Moder riechendem Hotel zurückziehen und mit Stöpseln in den Ohren auf den Abend warten, an dem es per Nachtbus weiter nach Kundapur gehen sollte.

Warum war ich hier? Nach dem Abitur hatte ich mich beworben, weil ich Menschen aus einem anderen Kulturkreis kennenlernen und dies am besten mit einer praktischen Tätigkeit vor Ort verbinden wollte. Dabei war es mir wichtig, nicht nur zu reisen, sondern länger an einem Ort zu bleiben.

Getrost kann ich sagen, dass das der einzige „Kulturschocktag“ war. Da die Neugierde größer war als die Gefahr der Überreizung vor zu vielen Eindrücken, verbrachte ich doch den ganzen Tag auf Bangalores Straßen und setzte mich am Abend getrost in den Bus in Richtung Kundapur. Der Rest meiner Nervosität verflog, sobald ich das Schulgebäude der Greater Higher Primary School in Hosadu zum ersten Mal sah. Dass ich mich hier wohlfühlen würde, merkte ich wohl bereits am Anfang.

Ich habe bei einer Gastfamilie in Kundapur gewohnt und bin von dort jeden Tag mit dem Bus zur Schule gefahren. An der Hosadu Schule unterrichten acht Lehrer, davon zwei Referendarinnen, acht Jahrgänge und Klassen mit 100 5 bis 14- jährigen Schüler. Für mich begann der Schultag zwar erst um 10 Uhr mit der ersten Unterrichtsstunde, aber ich bin immer etwas früher gekommen, um meine Sachen  noch einmal durchzugehen. Die ersten Kinder waren schon seit 9 Uhr dort, um die Klassenräume und Toiletten zu putzen und Trinkwasser aus dem Brunnen zu holen.

Ein Schultag bestand aus sieben Unterrichtsstunden: vier am Morgen, drei am Nachmittag. Im ersten Monat hatte ich noch keinen Stundenplan, weil Ende September Prüfungen anstanden und die Lehrer ihre Klassen so gut wie möglich auf die „exams“ vorbereiten wollten. Ich habe dann dort geholfen, wo man mich brauchte.

Meine Arbeit hat mir viel Spaß gemacht und das lag nicht zuletzt daran, dass die Schüler aufmerksam und motiviert bei der Sache waren, wenn es um englische Grammatik, Sprechen und Übungsblätter ging. Jedenfalls fast immer: Ich durfte die erste und zweite Klasse zusammen unterrichten und musste bald feststellen, dass es so nicht weitergehen konnte: 25 junge, aufgeweckte Kinder und ich- die ich kaum ein Wort der lokalen Sprache Kannada sprach und dementsprechend überfordert war. Auf Bitten durfte ich die Klassen teilen und habe mich dann dazu entschieden, mit den Schülern zu basteln und zu malen, was ich fortan in allen Jahrgängen als Kunstunterricht eingebunden habe.

 Manchmal hat es gut geklappt, mit meinen improvisierten Planungen 40 Minuten lang zu beschäftigen und manchmal bin ich im Chaos zwischen nach Grenzen schreienden Kindern und Unbeholfenheit versunken. Die ersten Wochen werden wohl als die „schwierigsten“ in Erinnerung bleiben. Neben Englisch und Kunst wurde ich gegen Ende des Freiwilligendienstes in den Computerunterricht eingebunden.

Ich war den Lehrern sehr dankbar dafür, dass sie mir immer entgegen kamen, wenn ich Schwierigkeiten hatte. Sie waren stets um mein Wohlbefinden bedacht und so haben sie mich immer in Teepausen mit eingeschlossen und mit Keksen, Kuchen und anderen Süßigkeiten versorgt. Am Anfang war ich noch recht schüchtern, aber nach einiger Zeit habe ich mich im Lehrerzimmer wohl gefühlt. Die Lehrer sahen in mir die Möglichkeit, ihr Englisch zu verbessern und zusammen mit meinem gebrochenem Kannada, das ich in den von FSL organisierten Sprachstunden und in der Schule lernte, entwickelten sich schöne Gespräche. Jeden Morgen wurde ich mit „Thindi ayitha?“ und „Ninu yenu thindi?“ begrüßt, was so viel bedeutet wie „Hast du gefrühstückt?“ und „Was hast du gegessen?“  und in gewisser Hinsicht mit „Wie geht es Dir?“ gleich gesetzt wird.

Ab vier Uhr war ich frei zu gehen, auch wenn ich jedem empfehlen würde, circa eine halbe Stunde später mit den Schülern und Lehrern das Schulgelände zu verlassen- diese Momente fühlten sich immer sehr gemeinschaftlich und zugehörig an, was ich als sehr wertvoll empfunden habe.

Und schon saß ich wieder im Bus, der mich über fünf verschiedene Brücken und Flüsse zurück nach Kundapur brachte. Dank der Landschaft, die an mir im Bus vorbeirauschte, war es mir immer möglich, meine Gedanken zu ordnen und zur Ruhe zu kommen.

In meiner Freizeit und an den Wochenenden habe ich mit anderen Freiwilligen die Umgebung bereist. Schon direkt um Kundapur herum gibt es viele Möglichkeiten, seine Zeit an schönen Orten zu verbringen. Manchmal schlenderten wir am Samstag über den Markt und verbrachten den Rest des Tages auf dem Leuchtturm am Kodi Beach, aber öfter zog es uns auch weiter fort.

Die Partnerorganisation FSL India war engagiert, die Freiwilligen mit ins kulturelle und soziale Leben einzubinden und auch meine Gastfamilie bot mir immer an, mich auf Hochzeiten oder Hauseinweihungspartys mitzunehmen.

In meiner Gastfamilie, die aus meinen zwei Gastgeschwistern und meiner Gastmutter bestand, hatte ich ein eigenes Zimmer, das ich mir am Anfang und Ende mit einer anderen Freiwilligen geteilt habe. Meine Wäsche habe ich draußen gewaschen und ich war dafür verantwortlich, das Zimmer ordentlich und sauber zu halten. Nach Schule und Arbeit war der Abend der Zeitpunkt, an dem die Familie zusammen war. Gemeinsam haben wir zu Abend gegessen, während Fernsehserien auf Hindi über den Bildschirm flackerten. Meine Gastfamilie hat abends immer frühstens um neun Uhr gegessen- wenn ich es bis dann ausgehalten habe, schloss ich mich ihnen an, ansonsten bereitete meine Gastmutter das Abendessen früher für mich vor. Sie war eine gute Köchin; ich glaube, es gab in dem ganzen Jahr keine Mahlzeit, die mir nicht geschmeckt hat. Manchmal half ich ihr, aber öfter saß ich daneben, schaute zu und ließ es mir erklären, während wir den Tag Revue passieren ließen. Auch wenn es nicht immer leicht in meiner Gastfamilie war, war es für mich doch schön, einen festen Ort mit einer direkten Ansprechpartnerin zu haben, wenn ich kulturelle Fragen hatte.

Das Schulleben hat mir während des gesamten Jahres am meisten bedeutet; wahrscheinlich, weil ich dort viele Fähigkeiten erlernt und Einblicke in die Leben der Schüler und Lehrer bekommen habe, die mir sonst verwährt geblieben wären. Von großen Problemen kann ich nicht berichten; jeden Morgen bin ich gut gelaunt zur Schule gegangen und habe mich gefreut, wenn die Kinder auf mich zu gerannt kamen und mir „Today, you come to our class, Miss?“ entgegen riefen. Einen „Alltag“ zu gestalten, Beziehungen zu den Menschen in meiner Umgebung aufzubauen und die gegenseitige Freude, einander zu sehen, gaben mir das Gefühl in Kundapur zu Hause zu sein. Andere Momente, die einem Kulturschock nahe kämen wie an meinem ersten Tag, gab es nicht. Später bin ich sogar noch zwei weitere Male in Bangalore gewesen und es hat mir gefallen.

Zurück in Deutschland sind es viele kleine Dinge, die ich in mein „deutsches“ Leben integriere. Vor allem sind es auch die Erfahrungen, die ich in der Schule gesammelt habe, weil ich mir nun vorstellen kann, später einmal als Lehrerin zu arbeiten.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.