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weltwärts in Indien

Nach meinem Abitur im Frühjahr 2009 wollte ich mein kleines Schwarzwalddorf möglichst weit hinter mir lassen und eine fremde Lebensrealität kennenlernen.

Name:Thomas N.Einsatzstelle:FSL-04 Assistance to Higher Primary School Teacher in Kanchugodu Higher Primary SchoolInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Indien versprach mir eine riesige Vielfalt an Kulturen, Sprachen und Menschen, und da ich mich als jemand mit einem Draht zu Kindern einschätzte, traute ich mir das Teaching Projekt in Kanchugodu bei Kundapur in Südindien zu.

Nach den beiden Vorbereitungsseminaren, auf denen mir der pragmatische und freundliche Umgangston bei ijgd gefiel, reiste ich im September 2009 nach Indien aus. Da im September in Südindien der Monsun das Wetter bestimmt, war ich zuerst ziemlich geschockt von der anstrengenden Reise im Bus und den Unmengen an Schlamm und Schlaglöchern. Allerdings war ich nicht alleine unterwegs, sondern traf schon im Flugzeug sechs weitere deutsche Freiwillige, die für FSL arbeiten wollten. Zusammen mit einem Freiwilligen aus Berlin wurde ich in einer Gastfamilie untergebracht. Das Zimmer, das wir uns dort teilten, war mit ca. 12qm eher klein, doch die Begrüßung in der katholischen Familie war freundlich und so waren wir zufrieden. Wir wohnten im Dörfchen Tallur, ca. 5km außerhalb von Kundapur. Unser Gastvater war nicht zuhause, sondern arbeitete in Dubai als Klimaanlagentechniker und so wurde der Haushalt von der Gastmutter verwaltet und von mehreren Onkels mit meist eher schlecht bezahlten Berufen wie Fischer oder Zeitungsverkäufer unterstützt. Das Haus war idyllisch inmitten von Reisfeldern und Palmen gelegen, zwischen denen die Hühner der Familie nach Futter suchten. Allerdings war es eben auch recht klein und wir mussten uns mit oftmals eintönigem (Reis mit einer Currysoße) Essen zufrieden geben, von dem es aber stets genug gab.

Nach der FSL-Einführungswoche und einigen Visa-Registrierungsproblemen startete ich in meiner Einsatzstelle in Kanchugodu. Kanchugodu ist ein wirklich sehr kleines Fischerdorf, das ca. 13 km von Kundapur entfernt direkt am Meer gelegen ist. Der Schulweg bestand aus einer 20minütigen Busfahrt und nochmals zehn Minuten Fußweg, da kein Bus direkt nach Kanchugodu fährt. Die Kanchugodu Higher Primary School ist eine sehr kleine Schule, die überwiegend von den Kindern der Fischer aus Kanchugodu besucht wird, während wohlhabendere Eltern ihre Kinder auf private English Medium Schools schicken, die aber im Gegensatz zur Kanchugodu Higher Primary bezahlt werden müssen. Die Ausstattung meiner Schule war dementsprechend spärlich: Es handelt sich im Wesentlichen um ein langes Gebäude, in dem das Lehrerzimmer, ein großes, von Trennwänden unterteiltes Klassenzimmer für die dritte und vierte Klasse, sowie ein kleineres Klassenzimmer für die erste und zweite Klasse untergebracht sind. Des weiteren gibt es freistehende Klassenzimmergebäude für die fünfte und die sechste Klasse sowie eine überdachte Bühne. Zusammen mit den Toiletten und dem Schulbrunnen umschließen diese Gebäude einen recht großen Schulhof.

Ich begann meine Arbeit zusammen mit einer weiteren deutschen Freiwilligen und ich war sehr froh, dass wir zusammen nach Kanchugodu geschickt worden waren, denn die ersten Wochen waren sehr anstrengend. Vor uns war für mehr als sechs Monate kein Freiwilliger im Projekt gewesen und deshalb zogen wir als Weiße äußerst viel Aufmerksamkeit auf uns. Die ersten Tage waren wir beide innerhalb von Sekunden nach unserer Ankunft von Kindern umringt, die die einzigen bekannten englischen Sätze „What is your name?“ und „Where are you from?“ an uns ausprobierten, allerdings weniger um die erfragten Informationen zu erhalten, sondern vielmehr um unsere Hand schütteln zu können und mit einem „Germany People“ gesprochen zu haben. Wenn wir es dann schließlich ins Lehrerzimmer geschafft hatten, waren wir zwar sicher vor den Begrüßungsüberfällen, doch warteten hier schwerwiegende Kommunikationsprobleme. Die Schule wird von einem Headmaster geleitet, der kaum Englisch spricht. Er war uns gegenüber nie unfreundlich, aber schlichtweg überfordert mit der Situation, dass zwei Weiße an seiner Schule arbeiten wollten, ohne die Sprache Kannada zu beherrschen. So wussten weder er noch wir, noch die fünf Lehrerinnen, von denen nur eine über grundlegende Englischkenntnisse verfügte, was denn nun unsere Rolle und Aufgabe an der Kanchugodu Higher Primary School sein solle.

Wir gingen in die Klassen und versuchten unsere Ideen von Englischunterricht umzusetzen. Allerdings war dies recht herausfordernd, da wir anfänglich Probleme hatten, Ruhe und Disziplin in den Klassen durchzusetzen. Dies lag zum einen an der Sprachbarriere, zum anderen an unserem Status als Exoten und des weiteren an unserem anfänglichen Verhalten, jedem Schüler, der das wollte, die Hand zu schütteln und den Namen des Vaters oder Bruders zu verraten. Das indische Schulsystem ist deutlich autoritärer als das deutsche, und so mussten wir erst lernen, dass wir als Teacher Thomas Sir und Teacher Pia Madam an die Schule kamen und nicht als persönlicher Spaßbeauftragter der Kinder.

In Bezug auf die Sprachbarriere versuchte ich Anfänglich mit großer Motivation Kannada zu lernen. Ich konnte auch ein gewisses Niveau erreichen, dass für den Smalltalk und Gespräche rund ums Essen ausreichte. Den Unterricht konnte ich aber dennoch nicht auf Kannada leiten und sah auch nicht die Möglichkeit, dies mit vertretbarem Aufwand zu erreichen. So verwendete ich meine Zeit mehr auf Vorbereitung von Liedern, Spielen und Übungen für den Unterricht.
Nach einigen Wochen hatten wir unsere Erfahrungen im Umgang mit den Kindern gemacht und konnten sinnvolle Stunden zu einfachen Themen englischer Sprache machen, wie zum Beispiel die Angabe der Uhrzeit oder das Vorstellen des Sitznachbarn. Von großer Bedeutung waren auch die Kinderlieder wie „If you´re happy“ oder „The Wheel of the Bus“, da die Kinder diese mit für deutsche Grundschullehrer_innen kaum vorstellbarer Begeisterung sangen.
Auch unsere Position im Lehrerzimmer wurde immer angenehmer, da wir einen Stundenplan bekamen und damit eine Stufe der Gleichberechtigung erreichten. Als unseren wichtigsten Erfolg sehe ich nun die Einrichtung eines Sporttages pro Woche an, an dem wir mit den Kindern Brennball, Völkerball oder Cricket spielten.  

Alles in allem war mein Jahr als Teacher Thomas Sir in Kanchugodu eine absolut wertvolle Erfahrung für mich. Neben all den Dingen, die ich über mich selbst und über Indien gelernt habe, waren es besonders die Kinder, die dieses Jahr für mich unvergesslich machen. Sie haben eine unglaublich große Fähigkeit, sich zu freuen und haben mir dadurch wohl mehr gegeben als ich ihnen je in Englischkenntnissen zurückzahlen könnte.

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