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weltwärts in Indien

‘Wie erlebe ich eine fremde Kultur am besten ohne einfach nur von Ort zu Ort zu reisen um touristische Sehenswürdigkeiten und schöne Strände mit meiner Digitalkamera einzufangen?’

Diese Frage habe ich mir vor meiner Entscheidung zu einem Freiwilligendienst gestellt.

Name:Jana E.Einsatzstelle:FSL-05 - Support worker for students with physical and learning disabilities within Manasa Rehabilition and Training Centre in Pamboor, Udup, IndiaiInhaltliche Ausrichtung:Bildung/Soziale Arbeit

Nach den beiden fünftägigen Vorbereitungsseminaren, betreut von meiner “weltwärts”-Entsendeorganisation ‘ijgd’ - ‘Internationale Jugendgemeinschaftsdienste’, war die Länder– und Projektentscheidung klar und der Abflugtermin nach Indien am ersten September 2009 stand fest. Bevor es aber nun gleich im September in meine Projektstelle ging, wurden wir als Gruppe mit 30 jungen Erwachsenen mit bunt gemischtem nationalen Hintergrund von der indischen Partnerorganisation in die neue Kultur eingeführt. Eine Woche lang wurden wir von “FSL-India” - ‘Field services and Intercultural Learning’ - auf unsere Arbeit und unser Leben in Indien vorbereitet. So wurde uns hier die ortsübliche Kleiderordnung für Frauen empfohlen, -stets bedeckt und Hosen nicht kürzer als zu den Waden-, sowie die wichtigsten Verhaltensregeln näher gebracht. Hatte ich Fragen oder Anliegen, konnte ich mich jederzeit an meinen betreuenden Mentor von FSL wenden oder gar die deutsche Sendeorganisation ijgd kontaktieren.Meine Projektstelle in der ich ein Jahr lang meinen Freiwilligendienst leistete hieß “Manasa Rehabilitation and Training Centre” , einer Schule und einem Heim für geistig behinderte Kinder und Jugendliche sowie auch für taub-stumme Kinder.

Untergebracht war ich in dem Heim, in meinem eigenen Zimmer. Was für gewöhnlich die Ausnahme ist. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich eine der wenigen Freiwilligen war, die die gewohnte deutsche Privatsphäre — ein eigenes Zimmer — beinahe das ganze Jahr über genießen durfte. Kam eine weitere Freiwillige, gab es noch ein zweites Zimmer. Drei Wochen lang habe ich mein Zimmer mit einer Freiwilligen aus Finnland geteilt, da wir in dieser Zeit zu dritt waren. Das Zimmer war mit einem integriertem Bad mit westlicher Toilette ausgestattet. Nur einen kleinen Unterschied zu deutschen Badezimmern gab es: die Handduschbrause direkt rechts neben der Toilette, die in Indien das Toilettenpapier ersetzt, sowie einen großen Eimer und einen kleineren, die oft trotz der Duscharmatur als Ersatzdusche eingesetzt wurden. Heißes Wasser war nur einen Stock tiefer, immer ab fünf Uhr Nachmittags vorhanden. Mein Zimmer war ansonsten wunderbar ausgestattet mit Schreibtisch, Schrank und einem breiten Bett mit bequemer Matratze. Was vielleicht für den deutschen Leser nun ganz gewöhnlich klingen mag, aber in Indien nicht selbstverständlich ist. Denn die breite Allgemeinheit wie z.B. die meisten Angestellten und Kinder hier, sind es gewohnt auf einfachen Strohmatten auf dem Boden zu schlafen. Hier haben sie im Heim zwar Betten, die jedoch auch nichts weiter als Holzbretter sind, auf denen sie ihre Stroh– oder Plastikmatten zum schlafen ausbreiten. Meine Mahlzeiten nahm ich immer zusammen mit den anderen Heimangestellten ein.

Gekocht wurde in der Heimküche von drei Köchinnen, die das Essen für ca. 85 Kinder und 20 Erwachsene zubereiteten. Dabei gab es mittags und abends stets Reis mit einer Gemüse-Curry Soße. Einmal pro Woche gibt es abends Fisch, ein Ei oder, meist Sonntags, Fleisch. Zum Frühstück gab es jeden Tag eine andere Reisvariation wie z.B. ‘Idly’ , traditionelle südindische Reisküchlein oder ‘Pundi’, Reis-Kokusnussbällchen. Das Wasser aus dem Hahn kann man hier leider nicht trinken. Mit einem Wasserfilter füllte ich täglich die Plastikflasche nach um ausreichend mit Trinkwasser versorgt zu sein.

In der Schule beginnt der Tag um 9:30 Uhr, wenn die beiden gelben Schulbusse die 45 Kinder aus der Umgebung bringen und die Schulglocke geläutet wird. Zuerst versammeln sich die 15 LehrerInnen in der Aula zum Begrüßungsgebet. Danach kommen die Kinder herein und stellen sich Klassenweise in Reihen auf.
Nun wird gebetet. gesungen und aus der Zeitung vorgelesen. Dabei stehen eine Hand voll vorbildlicher Schüler den anderen Gegenüber und lesen vor. Gegen 10:00 Uhr beginnt der Yoga Unterricht. Die Kinder werden in drei verschiedene Gruppen unterteilt. Die Yoga Übungen am Anfang des Schultags soll die Kinder zur Ruhe kommen lassen damit sie sich besser konzentrieren koennen. Nach 45 Minuten beginnt die erste Schulstunde und die Kinder gehen in ihre Klassen. Nun beginnt der reguläre Unterricht. Eine Schulstunde dauert 30 Minuten, von 11:15 Uhr bis 11:30 gibt es eine Pause. Mittagspause ist von 12:30 Uhr bis 13:30 Uhr. Schulende ist um 16:00 Uhr.
In der Manasa Schule werden insgesamt 130 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 30 Jahren unterrichtet.

Ein Drittel kommt aus der Umgebung mit dem Schulbus, zwei Drittel wohnen im Heim nebenan.
Ungefähr ein Drittel der Schüler sind Mädchen, der Rest Jungs. Es gibt 15 Klassen, mit je einer ausgebildeten Lehrkraft. Die jüngsten Schuler besuchen die Vorschulklassen, “Pre-Primary”, danach kommen die erste und zweite Klasse, wobei die Schüler dort nach ihrem persönlichen Entwicklungsstand unterrichtet werden.
Die älteren Schuler lernen in sog. ‘Vocational classes’ - Werkstufen — verschiedene Handwerkliche Tätigkeiten, wie Bücherbinden, Briefumschläge herzustellen, Grusskarten zu basteln, Kerzen zu gießen oder zu Kleider zu nähen. Ausserdem gibt es eine Klasse für die taub-stummen Kinder.

Während des  Jahres gehörten zu meinen Aufgaben die taub—stummen Kinder in Englisch zu unterrichten. Diese Klasse ist in dieser Schule die einzige, die dem normalen Lehrplan folgt. Die zehn Kinder werden von einer speziell ausgebildeten Lehrerin unterrichtet, die ihnen neben den gewöhnlichen Fächern wie Mathe, Kannada (der Lokalsprache), oder Englisch, in Zeichensprache unterrichtet. Dabei sind die Kinder ganz unterschiedlichen Alters, von 6 bis 17 Jahren. Jedes Kind wird auf seinem persönlichen Stand unterrichtet.  In meinem Englisch Unterricht, indem stets auch die Klassenlehrerin anwesend war, habe ich Einheiten zu Tieren, Früchten etc. oder Konversation vorbereitet. Alles begleitet von anschaulichen Bildern.

In meinem Zeichenunterricht bin ich mit Buntstiften und Papier von Klasse zu Klasse gegangen und habe die Kinder malen lassen, was sie immer sehr gefreut hat. Für gewöhnlich haben die Kinder hier kaum mehr als eine alte Schultasche und einen Bleistift dabei. Mandalas auszumalen oder Autorikschas zu zeichnen war somit das Highlight des Tages. Die Manasa Schule ist mit fünf Computern ausgestattet. Da die meisten LehrerInnen kaum mehr als den Computer an- und ausschalten können, war ich hauptsächlich für den Computerunterricht zuständig.
So habe ich den Kindern wie den Erwachsenen die Grundlagen in Microsoft Programmen wie Word, Excel oder Powerpoint gezeigt. Da es leider oft Stromausfälle gibt und die Computer von einer Sekunde auf die nächste ausfallen, musste hier oft improvisiert werden und spontan etwas anderes gemacht werden, bis der Strom wieder zurück kommt.

Schön war es auch mit den Kindern gemeinsam ein paar Lieder einzustudieren, begleitet von meiner Gitarre. So haben wir z.B. einige Wochen vor Weihnachten ‘Jingle Bells’ geübt und dazu einen Tanz einstudiert, den wir an der Weihnachtsfeier vorgeführt haben. Beim Singen kamen die Kinder zum Zug, denen Zeichnen motorisch nicht so sehr liegt, sich gerne aber verbal ausdrücken. Fand nun eine besondere Feier statt, konnten wir immer ein Paar Lieder singen und die Zuschauer unterhalten.
Auch im Büro der Rektorin habe ich mitgeholfen. Hierbei ging es vor allem um das Erstellen von Computer Dokumenten wie z.B. Schüler—und Klassenlisten, Telefonlisten, Schulgebührenlisten und so weiter. Da sehr wenige Angestellte sich gut mit Computern auskennen, war ich eine gern gesehene helfende Hand, wenn es um jegliche Form der Computerarbeit ging.

Meine Projektstelle wurde von christlichen Nonnen geleitet und überhapt habe ich den Eindruck, dass Religion und Glaube im Alltag der Menschen in Indien eine sehr große Rolle spielen.

Hier leben Muslime, Christen und Hindus meist friedlich nebeneinander, der jeweilige Glaube wird aber durch heiligen Schreine oder Autoaufkleber stets deutlich sichtbar gemacht. Hindus gehen eben mal in den Tempel wie wir Deutschen vielleicht eben mal einkaufen gehen. Pilger oder ‘Sadhus’, streng gläubige Hindus, sieht man überall auf den Strassen. Trotz alledem scheint mir die Spanne zwischen Arm und Reich enorm zu sein. Es kommt nicht selten vor, abgemagerte Pilger zu sehen oder an Frauen, die ein Kind auf dem Arm, zwei am Kleidzipfel und dann noch einen Behaelter Wasser auf dem Kopf balancierend nach Hause schleppen, vorbei zu gehen. Daneben fahren die neusten, klimatisierten Kleinwagen vorbei, in denen reiche Inder sitzen, die in ihre Villen fahren.  Dabei wohnen nebenan Wanderarbeiter in Zelthütten aus Palmblättern und alten Werbeplanen aus Plastik.

Mir erschienen die Inder als sehr nette Menschen. Während des Jahres bekam ich viele Einladungen auf einen Chai-Tee in verschiedenen Häusern und wurde auf Hochzeiten und andere Feiern eingeladen. Es kam selten vor, ein Wochenende allein zuhause zu verbringen — abgesehen von den 85 Heimkindern, die stets da waren.

Typisch indisch ist vielleicht auch ein Mangel an Privatsphäre. Die breite Armut der Leute bedingt oft, dass die gesamte Familie gemeinsam in einem Raum schläft. So habe auch ich einmal das Bett mit der Mutter geteilt, während meine indische Freundin auf dem Boden daneben schlief. In dem Häusschen gab es nur drei Räume, keine Türen und ein Bett, als Kissen ein Reissack. In einer Studie über die indische Gesellschaft habe ich gelesen, dass mehr Inder ein Handy besitzen als Zugang zu einer Toilette haben.

Und in der Tat, scheint es mir verblüffend, wie die meisten Angestellten bei einem Monatslohn von umgerechnet 50 Euro, die neusten Handys mit integrierter Kamera und MP3-Player besaßen.
Handys sind auch in Indien Statussymbole von jungen Erwachsenen. Manche Dinge sind eben überall gleich. Es war sehr interessant und belehrend, nach meinem Abitur nun zwei Jahre, zuvor in Deutschland und nun in Indien, in ein soziales Berufsfeld zu schnuppern.

Mein Freiwilligendienst in Indien — einer fremden Kultur — war nicht nur ein Praktikum in einer Sonderschule, sondern vor allem eine prägende Erfahrung, wie es ist, wenn Mensch versucht sich in einer fremden Umgebung zu integrieren. Zu erfahren was es heißt, Ausländer zu sein, die Sprache nicht zu verstehen und oft nur nach der Hautfarbe beurteilt zu werden. Ich habe hier nun auch mehr über meinen eigenen Hintergrund und meine Kultur nachgedacht und reflektiert.

Bildung ist meiner Meinung nach das wichtigste Mittel zur Entwicklung der Persönlichkeit und das wertvollste Gut einer Gesellschaft. Und gute Bildung ist vor allem in sog. ‘Entwicklungsländern’ von Nöten, um Menschen positive Lebensperspektiven zu geben und ihnen Möglichkeiten zu zeigen, sich selbst helfen zu können.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.