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weltwärts in Indien

„Life is like chai, sometimes more sweet, sometimes less. “ Dieses Zitat beschreibt in wunderschöner Einfachheit, dass das Leben nicht immer süß schmeckt, aber immer anders – so wie der indische chai.

Name:Lisa A.Einsatzstelle:FSL-09 Supervisor of the Sea Turtle Conservation Program along the Western Ghats coastline within Udupi district, KarnatakaInhaltliche Ausrichtung:Umweltbildung

Es stammt von Manju. Mit ihm habe ich zusammen gearbeitet im Wasserschildkrötenschutz- und Öko-Tourismus-Projekt.  Es ist nur eine von vielen Metaphern, denen man in Gesprächen mit den Menschen in Indien häufig begegnet, aber sie spiegelt sehr gut meine Erfahrungen während des  Auslandsjahres in Indien wider.

Ich heiße Lisa A. und habe von September 2010 bis Juli 2011 in Indien gelebt, um dort einen Freiwilligen Dienst des weltwärts-Programmes  zu absolvieren. Meine Partneroganisation, FSL-India („Fieldservices- and Intercultural  learning“), ist ansässig in Kundapura. Ein, in indischen Maßstäben gerechnet  kleines Dorf,  hat etwa 30 000 Einwohner und liegt an der wunderschönen  Küste des arabischen Meeres in Süd-Indien, im Bundesstaat Karnataka.

Meine Einsatzstelle war das „Wasserschildkröten-Schutz Projekt“. Im  zweiten Halbjahr habe ich im „Öko-Tourismus Projekt“ gearbeitet. Beide Projekte sind Umwelt-Projekte, deren Schwerpunkt im Umwelt- bzw. Tierschutz liegen. Allerdings geht es dabei auch darum, die Lebensumstände der lokalen Bevölkerung nachhaltig zu verbessern. Warum bin ich in solch ein fremdes Land wie Indien gereist, welches so weit entfernt ist von zu Hause und noch dazu für ein ganzes Jahr? Ein FSJ kann man schließlich auch in Deutschland machen. Mir ging es vor allem darum, einmal etwas ganz Neues und bisher  Fremdes kennenzulernen. Für mich stand fest, dass ich nach dem Abitur erst mal ins Ausland gehen wollte und das weltwärts-Programm erschien mir sehr passend. Hier konnte ich etwas Praktisches  machen und mich sozial engagieren. Mit meiner Entsendeorganisation „ijgd“ (internationale jugendgemeinschaftsdienste) war ich sehr zufrieden. Wir wurden sehr gut betreut und auf das meiste Vorbereitet. Trotzdem kam in Indien vieles anders als erwartet. In meiner Einsatzstelle musste ich sehr selbstständig arbeiten, was für mich neu war. Es ging darum, Probleme zu definieren, sich eigene Konfliktlösungen auszudenken und diese umzusetzen. Ein Beispiel ist die Verschmutzung der Strände – dem Lebensraum der neugeschlüpften Wasserschildkröten. Das Problem war hier deutlich offensichtlicher, als dessen Behebung! Wir veranstalteten einen „Strand-Säuberungs-Tag“, zu welchem wir erfolgreich Schüler und Studenten einluden, welche fleißig hunderte von Müllsäcken füllten. Weniger Erfolgreich jedoch war die Entsorgung des Mülls, für die wir eine Ewigkeit mit dem Bürgermeister Kundapurs diskutieren mussten.  Oft genug tauchten so Probleme auf, mit denen ich mich noch nie auseinandergesetzt hatte, oder mit denen ich nicht im Entferntesten gerechnet hatte (einheimische Fischer verlangten Geld von uns, bevor sie die ihnen ins Netz geschwommenen Schildkröten frei ließen). Kompromisse zu erarbeiten war nicht immer leicht, da z.B. die Verständigung mit Einheimischen alleine meist nicht möglich war. Ich fühlte mich in diesen Situationen oft hilflos und überfordert. Dennoch hat mir die Arbeit sehr viel Spaß gebracht und ich habe immer wieder neue Motivation durch andere Freiwillige gefunden, denen es genauso erging wie mir, oder die mir zur Seite standen!  Besonders in den ersten drei Monaten, in denen wir insgesamt zu fünft im Schildkröten-Projekt gearbeitet haben, war dies der Fall. Wir arbeiteten mit einigen Lokal-Zeitungen und Online-Magazinen zusammen. Diese legten besonders viel Wert darauf, auch Bilder mit „weißen“ Freiwilligen  zu zeigen, da dies eine größere Aufmerksamkeit bei der Leserschaft verspreche. In der Tat erregt man mit einer hellen Hautfarbe sehr schnell Aufmerksamkeit in Indien, weil sie dem indischen Schönheitsideal entspricht. Jedoch ist sie leider auch mit vielen Vorurteilen „befleckt“. Dazu zählt zum Beispiel, dass „Weiße“ immer sehr reich seien, keine Sonne oder scharfes Essen vertragen würden und unentwegt  auf der Suche nach indischen Ehemännern seien!  Dieses Bild wird vor allem durch die Medien geprägt. Für das Schildkröten-Schutz-Projekt war es manchmal jedoch ganz praktisch, Aufmerksamkeit zu erregen. Unter anderem wenn es darum ging, Flyer mit Information über Schildkröten zu verteilen, war sie nützlich.

Im Großen und Ganzen  habe ich allerdings nicht nur für das Projekt gelebt.  Die Zeit mit meiner Gastfamilie war auch ein sehr wichtiger Bestandteil meines Indienaufenthaltes. Dort habe ich geschlafen, gegessen, habe mit den Geschwistern gespielt, mich mit den Eltern oft und lange unterhalten, wir sind zusammen zum Tempel gegangen um zu beten  – sie war wie eine richtige Familie für mich und das war mehr, als ich erwartet hatte! Ohne die Unterbringung in einer hinduistischen Familie hätte ich niemals einen derart tiefen Einblick in die indische Kultur bekommen können und mir wäre die Integration deutlich schwerer gefallen. Zwar wurde von mir auch eine gewisse Anpassung an das Familienleben erwartet und Verhaltensregeln wollten befolgt werden. Dazu zählte unter anderem, abends spätestens um 22.00 Uhr zu Hause zu sein und dem Kleiderregel entsprechend gekleidet zu sein. Viele unausgesprochene Regeln jedoch galt es erst zu entdecken, wie z.B.  dem Hausaltar nie die Füße entgegen zu strecken, all abendlich gemeinsam die Lieblings-Fernsehserie anzuschauen, immer den Teller leer zu essen und natürlich die deutsche Schokolade aus dem Weihnachtspaket mit den Schwestern zu teilen! Von der Betreuung durch meine Partnerorganisation hatte ich mir allerdings manchmal mehr erwartet. Dafür, dass der Freiwilligendienst sich als „Lerndienst“ versteht, hätte meiner Meinung nach mehr Wert auf Evaluation und den Umgang eigener Erfahrungen während des weltwärts-Jahres gelegt werden müssen. Die Betreuung  beschränkte sich manchmal auf einen Anruf pro Monat durch den Koordinator, welcher sozusagen meine persönliche Vertrauensperson darstellte. Ihm meine Probleme mit der Konfrontation seiner eigenen Kultur darzulegen fiel mir nicht leicht, da er zwar schon länger mit Freiwilligen zusammen gearbeitet hatte, jedoch nur eine vage Vorstellung von meinem kulturellen Umfeld hatte. Ich denke es wäre sinnvoll, einen gegenseitigen Austausch zu ermöglichen. So hätten viele Mitarbeiter der Partnerorganisationen ihrerseits die Möglichkeit, einen fremden Kulturraum kennenzulernen und sich dort zu Recht zu finden. Dies würde ihnen den Umgang mit Freiwilligen erleichtern und deren Probleme für sie nachvollziehbarer werden lassen. Doch alle Herausforderungen ließen sich für mich bewältigen, im Notfall hatte ich immer einen Ansprechpartner. Außerdem wurde so mehr Selbständigkeit von den Freiwilligen gefordert.

Ich möchte auf die vielen Erfahrungen nicht verzichten müssen, bei denen ich so vieles lernen konnte. Z.B  die Verständigung auch ohne die  Sprache des Gegenübers zu kennen, wie viel die (Gast-)Familie bedeuten kann und dass nichts perfekt sein muss - die Hauptsache ist, es funktioniert. Ich denke, dass mich in dem Jahr in Indien auf jeden Fall verändert habe. Ich habe gelernt, eigenen Ideen zu vertrauen und geduldiger zu sein. Seit ich wieder zu Hause bin sehe ich den westlichen Lebensstil  mit neuen Augen und  weiß vieles mehr zu schätzen (zum Beispiel wie leicht und bequem in Deutschland vieles ist). Andererseits vermisse ich auch viele Dinge, die in Indien stark ausgeprägt sind.  Etwa die Aufgeschlossenheit  und Liebenswürdigkeit der Menschen, oder auch die Fähigkeit mit wenigen Dingen Glücklich zu sein! Ich bin unglaublich froh und dankbar, dass ich dich Möglichkeit hatte, ein Jahr in Indien leben zu dürfen. Ich denke, die Chance im Ausland zu leben sollte mehr Menschen ermöglicht werden. Dann würden wir in einer toleranteren Welt mit weniger Vorurteilen leben.  

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