Zum Inhalt springen

weltwärts in Indien

Abi - und nun?

Für mich war schon lange Zeit klar, dass ich nach dem Abitur einen Freiwilligendienst machen möchte. Bei vielen Organisationen und Programmen hatte ich jedoch das Gefühl, dass sie die Gutmütigkeit der Freiwilligen kommerziell ausnutzen um daraus Profit zu schlagen.

Name:Michelle L.Einsatzstelle:FSL-11 Primary School Teacher in Tent School in Udupi DistrictInhaltliche Ausrichtung:Bildung/Soziale Arbeit

Nach einigen Recherchen bin ich dann auf das weltwärts-Programm und ijgd gestoßen, die mir beide sehr zusagten. Weltwärts klang sofort sympathisch: ein Lerndienst, Kulturaustausch, entwicklungspolitisch - genau das wollte ich machen! Wohin war für mich dabei eher zweitrangig. An Silvester schickte ich meine Bewerbung ab und einige Wochen und ein Telefoninterview später, hatte ich eine Zusage und eine Einsatzstelle – Tent School in Kundapur/Indien.

Nachdem eine gefühlte Ewigkeit vergangen war, stieg ich Anfang September ins Flugzeug auf dem Weg in ein Land, das ich vorher noch nie betreten hatte.Auf dem Subkontinent angekommen, zog ich nach einer Orientierungswoche mit FSL India in meine Gastfamilie ein. Sie besteht aus Asha (Gastmutter, die beste Köchin der Welt!), Madhukar (Gastvater, färbt sich seinen ergrauten Schnauzer wieder schwarz) und den beiden Gastschwestern Ashita (kleiner Wirbelwind) und Deeksha (handy- und fernsehsüchtig). Alles in allem: eine ganz normale indische Familie!Bei ihnen hatte ich ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad, dass ich ab und zu mit anderen Freiwilligen teilte. Ich verbrachte die Abendstunden mit meiner Gastfamilie, vor allem leider vor dem Fernseher, der der Mittelpunkt vieler indischer Familien ist.

Meine Einsatzstelle – die Tent School – ist ein FSL-eigenes Projekt und existiert schon einige Jahre. Die Arbeit wurde in einen Vormittags- und Nachmittagsunterricht unterteilt, wobei wir je an verschiedenen Schulen waren. Die Kinder sprechen kaum Englisch und so musste ich schnell  einiges an Kannada, die Lokalsprache, lernen. Im Unterricht haben wir Mathe, Englisch und Kannada behandelt. Ein großer Teil war aber auch kreativen Tätigkeiten wie Basteln, Malen und Singen zugeschrieben. Die Kinder der Tent School können oder dürfen nicht auf eine reguläre Schule gehen. Ihre Eltern sind Wanderarbeiter, Bauarbeiter, Musiker oder Fischer. Sie ziehen umher und leben in Zelten, leider ohne dabei Rücksicht auf ihre Kinder zu nehmen, die nur selten eine normale Schule jemals von innen gesehen haben und kaum lesen, schreiben oder rechnen können. Letzteres versuchten wir den Kindern beizubringen um ihr Interesse für Schule und Lernen zu wecken. Viele Kinder hatten sehr viel Spaß, einige waren allerdings noch viel zu jung um richtig zu lernen und wurden nur von ihren älteren Geschwistern mitgebracht, da sie auf sie aufpassen mussten. Die Zeltschulen befinden sich in Mitten der Zeltgemeinschaften – eine kleine Hütte aus Bambusstäben und Palmenblättern, in der wir auf Matten auf der Erde saßen. Tische und Stühle gab es nicht, unser Unterricht funktionierte mit einfachsten Mitteln z.B. übten wir zählen mit Steinen und Blättern, die wir draußen sammelten. Im Allgemeinen war das Alter und Vorwissen der Kinder sehr durchmischt und so ist der Unterricht meisten eher eins-zu-eins gewesen.

Ich hatte sehr viel Freiraum in der Gestaltung des Unterrichts, immer unterstützend dabei war die indische Lehrerin Geetha, die zu einer sehr guten Freundin wurde. Sie half beim Übersetzen, wenn ich mit meinem Kannada und Verständigung mit Händen und Füssen am Ende war und behandelte die Kinder liebevoll (viele Kinder werden daheim geschlagen oder erhalten kaum Aufmerksamkeit). Ein weiterer wichtiger Teil des Unterrichts betraf das Thema Hygiene. So habe ich eingeführt, dass die Kinder sich vor jeder Stunde die Zähne putzen, da viele von ihnen schon in  ihrem jungen Alter sehr schlechte Zähne haben. Auch das Händewaschen und Wundversorgung haben wir gemeinsam geübt.
Dieser Arbeit war sehr intensiv, die Kinder verloren schnell ihre anfängliche Scheu und ließen sich komplett auf mich und andere Freiwillige ein. Auch die Mütter kamen oft zu uns um über ihre Probleme zu reden, immer mit der typischen Begrüßungsfrage:"ootha aitha?" Was soviel heißt wie:"Hast du schon gegessen?" und das indische "Wie geht es dir?" ist.

Neben der Arbeit habe ich viel Zeit mit anderen Kurz- und Langzeitfreiwilligen aus aller Welt verbracht. Mit vielen habe ich auch heute noch Kontakt. Die meisten Freiwilligen hätten unterschiedlicher nicht sein können, aber trotzdem war es eine großartige Gruppe mit vielen Ideen und Energie. Auch FSL, meine Partnerorganisation in Indien, ist zu einer zweiten Familie geworden. Mein Koordinator war stets bemüht und oft wurden wir auch zu Familienfeiern eingeladen. Auch bei Geetha war ich immer auf einen Chai (indischer Tee) willkommen.

Ich habe viel gelernt in Indien, vor allem die kleinen Dinge des Lebens schätzen zu lernen. Die Menschen in Indien, denen ich begegnet bin, besitzen zwar nicht viel, aber sie sind glücklich. Ich habe ein Jahr lang meine Wäsche mit der Hand gewaschen und mit täglichen Stromausfällen gelebt (was leider auch den lebenserhaltenden Ventilator betraf...). War das schlimm? Nein! Das Leben ging trotzdem weiter und wir Deutschen sollten darüber nachdenken auf wessen Kosten unser Konsumverhalten unser Lebensstil geht. Als ich nach Berlin zurückkehrte, kam mir hier alles so riesig, grau und menschenleer vor. Mittlerweile habe ich mich wieder daran gewöhnt, aber ich versuche weiterhin meiner Umwelt aufmerksamer und kritischer zu begegnen.

Indien war für mich vor der Abreise Bollywood, Chai und Kühe. Dieses monotone Bild hat sich einerseits bestätigt, wurde aber durch tausende bunte Facetten ausgemalt und belebt. Indien ist viel mehr als Mango Lassi und Curry, man muss dort gewesen sein um einen Eindruck vom Leben dort zu erhalten. Dieses Land ist so einzigartig wie vielfältig. Zum Glück macht es weltwärts auch finanziell schwächer gestellten Menschen möglich - so wie ich - einen Freiwilligendienst zu absolvieren und ein Jahr im Ausland zu leben. Ohne weltwärts und ijgd hätte ich diese Erfahrung nie machen können, nie in das Leben in Indien eintauchen können und nie solch einzigartige Freundschaften knüpfen können, dafür bin ich sehr dankbar.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.