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weltwärts in Indien

Manchmal, zum Beispiel wenn ich durch eine der bunten Straßen Südindiens gelaufen bin, nach einer anstrengenden Woche das Wochenende mit Freunden am Strand ausklingen lassen habe oder träumerisch den Kopf in den Fahrtwind des Busses gestreckt habe, kam bei mir durchaus die Frage auf:

Name:Jonas A.Einsatzstelle:FSL-11 - Primary School Teacher in Tent School in Udupi DistrictInhaltliche Ausrichtung:Bildung/Soziale Arbeit

Wie bin ich eigentlich hier her gekommen? Wie habe ich, Jonas, es von einem kleinen Dorf im Schwarzwald in dieses wunderbare Land namens Indien geschafft? Nun, ich hatte eigentlich überhaupt keine Ahnung was mich wirklich erwarten würde als ich mich in der „Vor-Abi“ Zeit dazu entschlossen habe ein Jahr im Ausland zu verbringen. Eigentlich war es auch dieses „große Ungewisse“ nachdem ich mich am meisten gesehnt habe. Schnell bin ich auf weltwärts gestoßen und wurde nach einigen Bewerbungen bei ijgd angenommen. Total aufgeregt und gespannt nahm ich an den ersten beiden Vorbereitungsseminaren teil und war sehr positiv überrascht. Es waren viele tolle Menschen da und die Inhalte waren auch wirklich sehr spannend und ansprechend.

Ich hatte mich davor nie wirklich mit entwicklungspolitischen Themen  beschäftigt, wurde aber durch diese Seminare total „geflasht“. Auch die meisten „Inder“, also andere Freiwillige, die auch nach Indien gegangen sind, habe ich dort kennengelernt. Hypernervös und aufgeregt haben wir uns einige Monate später  auf dem Flughafen in London wiedergesehen, wo wir gemeinsam unsere große Reise, erst mal nach Bangalore, gestartet haben.

Die Anfangszeit war für mich sehr intensiv, weil einerseits Indien so neu und faszinierend war, aber andererseits war ich auch total unsicher wie ich mich verhalten sollte. Meine Einsatzstelle hat mir von Anfang an  sehr gut gefallen, obwohl ich mir zuvor eigentlich keine richtigen Vorstellungen machen konnte. Ich habe mit Pauline, einer anderen Freiwilligen von ijgd, in einem „home based project“ meiner Partnerorganisation FSL- India, der Tentschool, gearbeitet. In und rund um Kundapur gibt es verschiedene „tent communities“. Das sind Orte an denen Gruppen von Wanderarbeitern mit ihren Familien für eine begrenzte Zeit oder sogar ganzjährig in Zelten leben. Sie haben ihre Heimatdörfer verlassen, um anderswo einer Arbeit nachzugehen. Jede Community ist anders und so unterscheidet sich die Arbeit, der die Eltern nachgehen und somit auch ihre teilweise sehr problematischen Lebenssituationen. Die Eltern gehen oft beide  arbeiten, sodass die etwas älteren Kinder sich um ihre kleinen Geschwister kümmern müssen. Häufig werden die Kinder auch zum Betteln geschickt. Genau um diese Kinder kümmert sich das Tentschoolprojekt hauptsächlich. Zusammen mit noch weiteren Freiwilligen und mit drei indischen Lehrerinnen sind wir an die verschiedenen Plätze gefahren und haben dort unterrichtet, um den Kindern ein Mindestmaß an Bildung zu bieten. Wir haben auch, teilweise mit Erfolg, versucht die Kinder und Eltern zu überzeugen, dass sie regelmäßig zu einer staatlichen Schule gehen. In der Tentschool haben wir allerdings nicht nur unterrichtet sondern auch viel gespielt, gesungen und gelacht. Es war wirklich unfassbar bereichernd mit diesen Kindern zu arbeiten und nun in Deutschland zurück vermisse ich sie allesamt und frage mich häufig wie es ihnen geht.

In Kundapur werden alle Freiwillige in Gastfamilien untergebracht und so habe auch ich meine indische Gastfamilie bekommen. Ich hatte mein eigenes kleines Zimmer im Haus meiner Gastmutter Shobha, meines Gastvaters Ganapathi und meines 12-jährigen Gastbruders Naveen rund eine halbe Stunde außerhalb von Kundapur. Es  war nicht leicht für mich mich einzufinden, vor allem, weil meine Gastfamilie nicht wirklich gut Englisch konnte und ich natürlich anfangs überhaupt kein Kannada. Trotzdem hatte ich im Großen und Ganzen mit allen ein gutes Verhältnis und im Laufe der Zeit sind sie mir wirklich sehr ans Herz gewachsen.

Meist bin ich so um 8 aufgestanden und meine Gastmutter hat mir mein Frühstück und vor allem meinen heißgeliebten Chai hingestellt. Dann bin ich mit verschiedenen Bussen zu der Vormittags-Tentschool gefahren und habe dort meine gute Freundin und Kollegin Shalini und meist noch ein oder zwei andere Freiwillige getroffen. Zusammen haben wir für ca. 2 Stunden ein Programm für die Kinder veranstaltet und dann anschließend zusammen gegessen, was wir mitgebracht hatten. Anschließend bin ich wieder mit verschiedenen Bussen zu der zweiten Tentschool gefahren und habe dort  zusammen mit meist einer anderen Lehrerin und Freiwilligen wieder unterrichtet und gespielt. Nach getaner Arbeit wollte ich, vor allem wenn es besonders heiß war, oft erst mal wieder nach Hause und duschen. Oft bin ich aber dann auch noch nach Kundapur gefahren und habe mich mit Freunden getroffen oder etwas anderes unternommen. Um 9 Uhr sollte ich spätestens zu Hause sein und nach dem für mich oft recht späten Abendessen bin ich auch meistens in mein Zimmer gegangen und hab mir Zeit für mich genommen.

Auch das Reisen kam während der 11 Monate nicht zu kurz und ich denke oft glücklich an die Reisen zurück die ich allein oder zusammen mit Freunden unternommen habe. Ich finde Indien einfach perfekt zum Reisen. Man kann günstig und flexibel an wunderschöne Orte fahren und dank der Nachtbusse kann man auch an Wochenenden weit kommen. Mit meinen aufgesparten Urlaubstagen habe ich es dann, inklusive jeweiliger 40-stündiger Zugfahrt, sogar noch nach Norden, nämlich nach Neu Delhi und  in den Himalaya geschafft.

Als wir unzählige Eindrücke und Erfahrungen später uns dann wieder zusammen gefunden haben um zurück zu fliegen, hatte ich durchaus sehr gemischte Gefühle und war total aufgewühlt. In Deutschland angekommen hat die Sehnsucht nach Indien oft überwogen und es war auch schwierig mich wieder in Deutschland einzufinden.

Ich kann unmöglich in Worte fassen wie sehr mich diese Zeit geprägt hat und wieviele Erfahrungen ich gesammelt habe. Ich möchte allerdings auch  definitiv nicht unerwähnt lassen, dass es  auch einige sehr schwierige Momente und Zeiten gab. Insgesamt bin ich aber sehr, sehr froh, nach Indien gegangen zu sein.  Eine konkrete Konsequenz aus meinem weltwärts Jahr und auch aus den großartigen Vor- und Nachbereitungsseminaren ist meine Studienwahl. Ich  studiere  jetzt Politikwissenschaften und Kultur- und Sozialanthropologie. Außerdem habe ich gerade am Ausbildungsseminar zum Seminarleiter für Seminare bei ijgd teilgenommen, damit ich noch öfter bei solchen Seminaren dabei sein kann. Ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal betonen, wie gut ich mich durch ijgd und auch größtenteils durch meine indische Partnerorganisation FSL betreut gefühlt habe.

Irgendwie waren die 11 Monate unendlich lang und es ist so unfassbar viel passiert. Andererseits kommt mir diese Zeit auch so flüchtig vor, als wäre alles nur ein Traum gewesen. Die Zeit in Indien ist für mich sehr schwierig in Worte zu fassen und manchmal bin ich mir in Deutschland schon wieder unsicher, wie das Leben rund  7000km entfernt wirklich tagtäglich zugeht. Vielleicht sollte ich einfach wieder dorthin zurück.

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