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weltwärts in Indien

Dass ich einen Freiwilligendienst machen moechte war fuer mich voellig klar, als ich von meinem Schueleraustauschjahr zurueck kehrte. Wieder in die Fremde, aber diesmal auf eine andere Art und Weise, das war mein Wunsch.

Name:Nina S.Einsatzstelle:UDAVI-04 Rehabilitation for the displaced, Chennai Region, IndiaInhaltliche Ausrichtung:Soziale Arbeit

Ich wollte mich mehr themengebunden mit dem neuen Gastland auseinandersetzen und interessierte mich sehr fuer die etlichen kleinen lokalen Sozialprojekte, Entwicklungsarbeit auf dem grass-roots-level.

In dem Projekt, das ich ausgesucht habe, geht es um Menschen die auf Grund eines Umsiedlungsprojektes der Stadtverwaltung ihren urspruenglichen Wohnort und Lebensunterhalt verloren haben und nun in den outskirts Chennais mit unzureichender Infrastruktur und kaum Arbeitsmoeglichkeiten leben muessen. Die Organisation, bei der ich zu Gast sein durfte, setzte sich fuer diese Menschen ein, indem sie sie mit verschiedenen Mitteln dabei unterstuetzen, bessere Infrastruktur von den zustaendigen Ministerien einzufordern und indem sie unter Menschen, denen die Umsiedlung droht Aufklaerungsarbeit ueber die Problematik betreiben und sie im Rechtskampf um ihr Bleiberecht unterstuetzen.

In den ersten Wochen und Monaten begleitete ich die Mitrbeiter meines Projekts in ihrem Arbeitsalltag, lernte die Siedlungen um die es sich drehte kennen, nahm an meetings und besprechungen teil sowie an verschiedenen programmen. Dadurch lernte ich einiges ueber die Problematik und Loesungsansaetze die mein Projekt bot, aber auch ueber Schwierigkeiten, die bei der Arbeit auftraten. Spaeter, als es darum ging mich in die Arbeitsablaeufe zu integrieren, damit ich nun endlich auch aktiv teilnehmen koennte, taten meine Koordinatorin und ich uns schwer, weil das projekt zu dem zeitpunkt vor allem aufgaben bot die hoehere fachkenntnis, z.b. Von gesetzeslagen forderte. Meine Koordinatorin zeigte sich sehr flexibel in der Diskussion ueber moegliche beschaeftigungen fuer mich. Sie bot mir an mich auf eine target-group unter den Bewohnern der Siedlungen zu spezialisieren, ganz nach meinem Interesse. Ich hatte in der Orientierungsphase erfahren und beobachtet, dass Gewalt gegen Frauen ein groesseres Problem darstellt, dafuer interessiere ich mich, sagte ich meiner koordinatorin, ich wuerde gerne mit jungen maedchen arbeiten und empowerment programme durchfuehren. Meine Koordinatorin war einverstanden, bat mich jedoch, zuerst eine Studie zum Stand des Problems Gewalt gegen Frauen und zur Wirkung von verschiedenen Empowerment-programmen zu machen, damit wir gezielter Programme und Angebote fuer betroffene Frauen sowie zur Vorbeugung entwickeln koennen. Das tat ich.  Wir entwickelten einen Fragebogen, fuehrten etwa fuenfzig interviews mit betroffenen Frauen durch und werteten die Angaben statistisch aus. Was sind Ursachen und Einfluesse im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen und welche Wirkung haben bisherige Programme im Hinblick auf die Problematik gezeigt waren die Kernfragen mit denen ich mich beschaeftigte. Dass so eine Studie 8 Monate dauern wuerde und so zum Haupt-inhalt meines Jahres wuerde, verriet mir vorher jedoch keiner. Die Arbeit war sehr spannend, nur leider sehr theoretisch und isoliert, aber das Ergebnis war zur Zufriedenheit der Meisten, meiner Koordinatorin eingeschlossen. Wenn sich unter dem naechsten Jahrgang von Volunteers jemand findet, der sich fuer das thema interessiert, koentte er die ergebnissen der Studie aufgreifen und daraus follow-up programme zur studie durchfuehren, was der eigentliche Zweck der Studie war.

Meinen restliches Leben in Indien sah ungefaehr so aus: Wir deutsche Volunteers lebten zu etwa sechst (wechselnde Anzahl) in zwei verschiedenen Wgs, Jungen und Maedchen nach indischer Art getrennt. Wir hatten eine grosszuegige schoene Wohnung im selben Haus, in dem auch unsere Programm-Koordinatorin wohnte. Versorgt wurden wir von einer Koechin, um den restlichen Haushalt kuemmerten wir uns. In der Freizeit trieben die meisten von uns irgendeine Art von Sport, gingen schwimmen, zum Yoga-unterricht, Basketball spielen oder zum Tanz-unterricht. Mit Indern verstaendigten wir uns hauptsaechlich auf englisch, was vor Ort von den meisten sehr gut gesprochen wird, manchmal mit dem Tee-koch, dem Mango-verkaeufer oder dem Schneider auch mit ein paar Brocken Tamil. Bei meiner Arbeit kuemmerte sich meine Projektkoordinatorin um mich, hielt regelmaessige Besprechungen und fragte mich oft nach meinem Wohlergehen.

Fuer Sorgen und Probleme die mit meiner Arbeit nichts zutun hatten war unsere Programmkoordinatorin meine Ansprechpartnerin, die mich bei allerlei Alltagsproblemen, vor allem zu Beginn des Jahres, unterstuetzte.

Die wohl einpraegsamste Erfahrung, im Rueckblick auf das Jahr, war fuer mich, laengere Zeit eine Kultur von “innen” zu erleben, meinen Alltag dem Rythmus und Rahmen Chennais anzupassen, Sitten, Riten und vor allem auch religioese Gebrauche der locals kennenzulernen, von neuen Blickwinkeln zu erfahren in Gespreachen, dadurch ein bisschen Abstand zu meinen Gewohnheiten und meinem kulturellen Gepaeck zu bekommen und meinen eigenen deutschen Hintergrund dadurch mit etwas mehr Draufsicht reflektieren zu koennen, ausserdem meine Massstabsetzung abzugleichen mit Massstaeben vor Ort, einerseits was Lebensstandart andererseits aber auch was Raum und Zeit und andere Werte betrifft und eine mir fremde Umgangsweise unter Menschen am eigenen Leib zu erfahren. Alles in allem hoffe ich, dass mir das Jahr zu einem weiteren und offeneren Blick auf die Welt und andere Menschen verholfen hat und dass ich ein besseres Gefuehl fuer die sehr unterschiedlichen Lebensweisen und Lebensverhaeltnisse auf unserem Planeten bekommen habe.

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