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weltwärts in Ecuador

Es ist schwer in Worte zu fassen, so ein Jahr. Es ist viel passiert, ich habe viel erlebt. Ich habe viel erreicht und vieles auch nicht. Ich habe mich verändert, und ich möchte sie nicht missen wollen, diese Erfahrung, die mich so unglaublich bereichert hat, wie es wohl sonst keine in meinem bisherigen Leben getan hat.

Name:Theresa L.Einsatzstelle:CHIRIBOGA-01 Costa Project-host: Schools in Coastal RegionInhaltliche Ausrichtung:Bildung

Weltwärts, das war für mich eine große Chance. Ich wollte unbedingt nach dem Abi ins Ausland. Und zwar nicht einfach Reisen und auch nicht nur ein paar Monate. Ich wollte lange weg und ich wollte in dem Land leben, nicht nur durch das Land durchreisen. Ich wollte dazugehören zur Gemeinschaft. Ich wollte die Menschen kennen lernen und deren Leben und die Kultur, wollte Teil sein davon, ein Teil ihres Lebens und wollte, dass sie auch ein Teil von mir werden.

Lateinamerika hat mich schon immer gereizt, allein wegen der Sprache- und als dann die E-Mail von ijgd mit der Zusage für Ecuador kam, habe ich mich wahnsinnig gefreut und nach den Vorbereitungsseminaren, dem Impfen, Abschiedsfeiern etc. stieg ich schließlich mit viel Bauchkribbeln im September 2010 ins Flugzeug.

Gewohnt, nein, gelebt, habe ich in der nördlichsten Provinz Ecuadors. Meine neue Heimat war ein kleines Fischerdörfchen direkt am Meer, einem beschaulichen Ort mit etwa 1000 Einwohnern. Abends hat mich das Rauschen der Wellen in den Schlaf gesungen und morgens das Krähen der Hähne wieder aufgeweckt. Es gibt einen Kindergarten, eine Grundschule, ein Colegio sowie eine sehr kleine berufliche Schule. Etwa vier kleine Lädchen und fünf Comedores verteilen sich in den Straßen und ein schöner, neu gestalteter Park stellt den Mittelpunkt des Dorfes dar. Schräg gegenüber befindet sich die Diskothek, die jeden Samstag und an sonstigen Feiertagen von Jung bis Alt prall gefüllt wird. Die Menschen leben dort in kleinen, sehr einfachen Häusern ohne fließendes Wasser, Telefon- oder Internetanschluss und auch die Verkehrsanbindung ist schlecht. Bis nach Atacames, der nächsten größeren Stadt, in der es ein Internetcafe und einen Supermarkt gibt, fährt man zwei Stunden mit dem Bus. Daran gewöhnt man sich schnell und für mich war das nie ein Problem, man sollte sich dessen jedoch bewusst sein, bevor man sich für einen längeren Aufenthalt in einem vergleichbaren Umfeld entscheidet.

In meiner Gastfamilie hatte ich fünf Geschwister, davon haben jedoch meine zwei größten Schwestern bereits in der Stadt Esmeraldas gewohnt, da sie bereits verheiratet waren und Kinder hatten. Trotzdem sind sie mit ihren Kindern regelmäßig zu Besuch gekommen. Immer da waren meine drei Gastbrüder: Samuel und Daniel sind dreijährige, sehr herzliche Zwillinge, mit denen ich immer viel gespielt habe und die mir stets ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnten. Jeo ist 18 und geht gerade auf´s Colegio im Ort und Prishilla ist 14 und geht auf ein Mädcheninternat in Atacames, ist folglich also nur an manchen Wochenenden da. Sonst hatte ich aber noch ganz viele Cousins, Cousinen, Onkels, Tanten, meine Großeltern und natürlich Richard und Lelia, meine Gasteltern. Bei meiner Familie fühlte ich mich immer sehr wohl, wenn auch nicht als weiteres Kind sonder mehr als gute Freundin. Dies lag vielleicht auch daran, dass ich nicht in deren Haus wohnte, da dort kein Platz war. Mein Zimmer hatte ich im Haus gegenüber, beim Meeresforschungsinstitut NAZCA, was für mich eine hervorragende Mischung aus Familie und persönlichem Freiraum war. So konnte ich mich zurückziehen, hatte jedoch immer die Möglichkeit, zu meiner Familie zu gehen und habe dort natürlich auch immer gegessen, gequatscht, meine Wäsche gewaschen oder mal Fernsehen geschaut.
Mein Gastvater, Richard, war auch gleichzeitig der Direktor der Schule, in der ich gearbeitet habe. In Ecuador geht die Grundschule derzeit von der ersten bis zur siebten Klasse, zukünftig bis zur zehnten Klasse. Von der vierten bis zur siebten Klasse habe ich Englisch unterrichtet. Ich war die erste Freiwillige an der Schule, was Vor- und Nachteile mit sich brachte: Richard, der Direktor, und die anderen Lehrer waren mir gegenüber sehr offen und so ließen sie mich meinen Stundenplan nach eigener Einschätzung einteilen und auch den Unterricht frei gestalten. Da die Schüler in den Jahren zuvor nie regelmäßigen, kontinuierlichen Englischunterricht hatten, musste ich mit allen Schülern bei null anfangen und an der Schule standen auch kaum Materialien, wie zum Beispiel Englischbücher, zur Verfügung. Der Unterricht selbst ist sehr schwierig und herausfordernd. Die Kinder sind sehr aufgeweckt und aktiv, können sich häufig jedoch nicht richtig konzentrieren. Sie sind von den anderen Lehrern hauptsächlich Frontalunterricht gewöhnt und werden von ihnen mit einem Stock gezüchtigt. Da ich diese Methoden natürlich nicht angewendet habe, war es am Anfang vor allem bei den älteren Schülern sehr schwierig, mir Respekt zu verschaffen. Dies wurde mit der Zeit durch Erfahrung und größtenteils auch durch die Verbesserung meines Spanischs einfacher. Trotzdem musste ich sehr geduldig und hartnäckig sein, denn Englisch ist schwierig für die Kinder und bis sie etwas lernten dauerte das, am Sprachunterricht unsere Schulen in Deutschland gemessen, sehr lange. Trotzdem waren vor allem die letzten drei Monate meines Aufenthalts sehr Früchte tragend und der Unterricht hat dann richtig Spaß gemacht, weil ich gemerkt habe, dass die Kinder etwas lernen und Freude an meinem Unterricht gefunden haben.

Neben meiner Arbeit in der Schule half ich in der Meeresforschungsorganisation, wo wir ein Projekt zum Schutz der Hummerpopulation hatten und wo wir mit der Planung und Gestaltung der Reserva Marina Galera- San Francisco beschäftigt waren. So arbeitete ich mit Biologen zusammen, wir machten viele Workshops für die Fischer und führten Tauchgänge zur Bestimmung der Artenvielfalt im Meeresschutzgebiet durch. Weiterhin gab ich einigen Fischern Computerunterricht und erstellte eine Wandzeitung zum Thema Meeres- und Umweltschutz. Diese Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht und war ein guter Ausgleich zum Schulalltag, forderte aber oft auch Einsatz am Wochenende oder an meinen freien Nachmittagen.

Mit der Verständigung war es anfangs aufgrund des starken Akzents der Küstenbewohner schwierig, nach zwei Monaten konnte ich aber alles verstehen und nach vier Monaten auch selbst alles fließend ausdrücken, was ich sagen wollte. Dies lag daran, dass ich von Anfang an gut in die Gemeinschaft eingebunden und den ganzen Tag von Freunden, Familie und den Kindern umgeben war. Nachmittags haben wir Fußball gespielt, Kuchen gebacken, sind auf die umliegenden Fincas zum Obst ernten gegangen, haben Strandspaziergänge gemacht oder ich habe mit den Kindern gelernt und gespielt. Abends oder am Wochenende haben wir oft Lagerfeuer am Strand gemacht und am Samstag sind wir natürlich tanzen gegangen. Tanzen und Musik ist sehr wichtig für die Menschen an der Küste, es ist ein Ausdruck von Lebensfreude und Unbeschwertheit. Die Menschen und die Kinder in meinem Dorf, das ist das, was das Jahr und all die Erfahrungen für mich ausmacht. Ich wurde stets sehr herzlich aufgenommen, fühlte mich nie alleine, hatte immer einen Ansprechpartner bei Problemen oder Fragen. Hierbei spielten auch Virginia und Carmen von meiner Partnerorganisation, der Fundación Chiriboga, eine große Rolle. Die zwei Schwestern kümmerten sich wirklich vorbildlich um uns, besuchten uns in den Projekten und hießen uns in ihrem Haus in Quito immer willkommen.
Deshalb war der Abschied von meinem Dorf dann auch sehr schwer und tränenreich, denn wenn man etwas ins Herz geschlossen, eine neue Heimat gefunden hat, lässt man dies nun mal nicht gerne zurück. Es war, vor allem bei der Arbeit, oft nicht einfach, doch immer lehrreich. Ich kann das, was mein Leben in einer anderen Kultur bei mir bewirkt hat, schlecht beschreiben. Doch ich werde die Menschen, die Natur, die Bilder und Erinnerungen immer bei mir tragen und mich auch hier in Deutschland für ein besseres  Verständnis und ein gerechteres Miteinander einsetzen. So kann ich allen einen weltwärts-Aufenthalt in Ecuador empfehlen, die ihre Aufgaben unvoreingenommen und lernbereit aufnehmen wollen und Einsatzbereitschaft zeigen können.