Zum Inhalt springen

weltwärts in Mexiko

556.000 Ergebnisse wurden mir bei Google zu Füßen gelegt, als ich " Freiwilligendienst im Ausland" in das Suchfeld eingab.

Name:Maria B.Einsatzstelle:VIMEX-02 Fundación Pro Niños de la Calle, Mexico City, MexicoInhaltliche Ausrichtung:Bildung/Soziale Arbeit

Nachdem ich 2010 an einem zweiwöchigen Workcamp (ijgd als Entsendeorganisation) teilnahm, bei welchem ich, mit ungefähr 15 anderen Freiwilligen aus Europa, Asien und den U.S.A., Wohnungen in Barcelonas Altstadt renovierte, begann ich mich für Freiwilligenarbeit im Ausland zu interessieren. Ich informierte mich weiter bei der ijgd, liebäugelte allerdings mit einem Europäischen Freiwilligendienst in Barcelona. Dann erzählte mir ein Mitschüler von einem Programm namens weltwärts, ich recherchierte und wurde wieder bei der ijgd fündig. Ein spanischsprachiges Land sollte es sein, denn fünf Jahre Schulspanisch sollten ja auch zu etwas gut sein, oder? Ich klickte mich durch die Projektliste und mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich nach Mexiko Stadt wollte.

Fundación Pro Niños de la Calle, so hieß meine Einsatzstelle in Mexiko Stadt. Da bekommen viele erst einmal große Augen. Mit Straßenjungs in Mexiko Stadt arbeiten. Wow, das ist starker Tobak. Doch schon nach der ersten Arbeitswoche wird einem klar, dass in einem Freiwiiligendienst Vieles anders laufen kann, als man erwartet.

Die Arbeit mit den Straßenjungs (wir nennen sie Chavos) wird in drei Etappen gegliedert: Straßenarbeit, Tageszentrum und Lebensplanung. Ich hatte das Glück in allen Etappen mitarbeiten zu können, mal mehr und mal weniger. Zu Beginn wurde ich in die Lebensplanung eingeteilt. Ein unglücklicher Start, meiner Meinung nach, denn mein Kontakt mit den Chavos war eher spärlich. Ich hatte wenig Arbeit, musste viele Laufdienste erledigen, Medikamente besorgen, Geburtsurkunden abholen. Wenn ich Glück hatte, stand ein Familienbesuch an, bei dem ich allerdings eher passiv mitwirkte und die Beobachterrolle einnahm. Im Tageszentrum arbeitete ich sechs Monate und wurde als Freiwillige richtig gut mit eingespannt, was zu vielen Zeiten allerdings auch purer Stress war.
Die Jungs kommen morgens um 9 Uhr an, duschen sich und waschen ihre Klamotten. Wenn noch etwas Zeit bis zum Frühstück um 10.30 Uhr bleibt, spielen wir Tischkicker, Brettspiele (Die Fundación freut sich auch sehr über neue Spiele!) wie Das verrückte Labyrinth, Jenga oder Halli Galli. Außerdem gibt es vor dem Haus einen kleinen Hof, der sich prima zum Basketballspielen eignet. Mittags geht's dann auf einen Bolzplatz in der Nähe um Fußball zu spielen. Es folgen kreative und reflektierende Bastelarbeiten, bei denen die Chavos sich mit sich selbst und ihrem jetzigen Lebensstil auf der Straße, Krankheiten, Drogen und ihrer Familie  auseinander setzen müssen.

Der Tag neigt sich dann auch schon dem Ende zu, denn um 15 Uhr gibt es Mittagessen, es wird noch ein bisschen gespielt und eine Abschlussaktivität mit allen zusammen gestaltet. Um 17 Uhr geht dann jeder seinen eigenen Weg. Jetzt wird sich manch einer denken: "Wie verantwortungslos muss man sein, um die Jungs jetzt wieder auf die Straße zu schicken?" Nunja, am Anfang mag dies noch einen herzlosen Eindruck erwecken, doch sobald die Jungs einen gewissen Zeitraum im Tageszentrum verbracht haben, setzen sich die Mitarbeiter von Opción de Vida (Lebensplanung) mit ihnen zusammen, um ihren weiteren Lebensweg zu planen. Muss der Junge eine Entziehungskur machen? Besteht die Möglichkeit, ihn wieder in seine Familie einzugliedern? Hat der Chavo einen Schulabschluss? Unter diesen und vielen weiteren Gesichtspunkten wird dann zusammen mit dem Jungen geplant, wie sein Leben abseits der Straße aussehen könnte.

Dadurch, dass Pro Niños schon seit geraumer Zeit mit Freiwilligen arbeitet, sind die Aufgaben klar verteilt. Viel Spielraum für neue Ideen gibt es leider nicht, da der Tag ziemlich streng durchgeplant ist, doch wir durften zum Beispiel einen Tag gestalten, an denen wir deutschen Karneval im Tageszentrum veranstalteten. Der acht - Stunden - Arbeitstag ließ nicht viele Hobbies unter der Woche zu, da ich oft ziemlich erledigt von der Arbeit nach Hause kam. Aber mit Freunden ins Kino oder etwas Trinken gehen war natürlich schon möglich und vor allem die Wochenenden in Mexiko Stadt gestalten sich immer sehr abenteuerreich!

Meine Einsatzstelle hat zwei Wohnungen in dem schönen und zentralen Barrio (Stadtteil/Viertel) Narvarte gemietet, in denen die Freiwilligen von Pro Niños unterkommen. Zu Beginn wurde die Wohnung, in der ich lebte, noch renoviert, der Bodenbelag fehlte, wir hatten noch keine Betten und kein Gas, doch wir arrangierten uns schnell und mit der Zeit nahm Wohnung immer mehr an Gestalt an. Ehrlich gesagt, hat mir diese Do-It-Yourself- Phase besonders gut gefallen, weil sich ein besonderer Zusammenhalt mit meinen MitbewohnerInnen gebildet hat. Ich habe vorwiegend mit Deutschen zusammen gewohnt, die auch das weltwärts- Programm absolvierten, doch teilweise waren auch BrasilianerInnen, US- AmerikanerInnen, EngländerInnen, oder KolumbianerInnen bei uns untergebracht, die ein Short - Term Volunteership leisteten.

Dadurch, dass ich fünf Jahre Spanisch am Gymnasium hatte, war der Einstieg in das mexikanische Spanisch nicht allzu schwer.  Die Chavos hatten immer einen großen Spaß daran die Freiwilligen zu "testen", indem sie eine vordergründig völlig unscheinbare Frage stellte, die sich dann jedoch als sexuell zweideutiger Witz herausstellte. Doch im Laufe der Zeit, konnte ich auch diese Hürde meistern, was mir noch zusätzlichen Respekt verschaffte.

In der Freiwilligenwohnung wurde (leider) zum Großteil deutsch gesprochen, doch sobald auch nur eine Person in der Nähe war, die kein deutsch verstand, wurde auf Spanisch gewechselt, zumal wir in der Fundación nur Spanisch sprechen durften. Mit meiner Partnerorganisation (VIMEX) war der Kontakt eher spärlich. Allerdings gab es die Möglichkeit, bei den Seminaren (Einführungs-, Zwischen- und Endseminar) Probleme mit der Partnerorganisation und den anderen Freiwilligen zu besprechen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich den Kontakt suchen können, doch da ich meine Bezugspersonen eher in den anderen Freiwilligen und meinen Arbeitskollegen sah, war dies nicht nötig. Mit ijgd, hatte ich auch nicht so viel Kontakt, allerdings war dies ebenfalls nicht nötig, da sich keine größeren Probleme auftaten.

11 Monate habe ich Deutschland nun den Rücken zugekehrt und bin einer völlig neuen Tätigkeit nachgegangen. Das brachte mir ziemlich viel, doch vorallem Erfahrung. Die Erfahrung, wie es ist nicht zuhause, behütet bei Mutti und Vati, zu leben. Die Erfahrung, zu sehen und zu erleben, wie verschieden und doch ähnlich die mexikanische Kultur im Vergleich zur deutschen ist.
Ich glaube, ich bin geduldiger mit mir selbst und meinen Mitmenschen geworden. Alltagsproblemen sehe ich gelassener entgegen, denn eigentlich sind die meisten Probleme nur Scheinriesen, die bei genauerer Betrachtung immer zu meistern sind.

Ich hoffe, dass ich diese Eigenschaften auch in meinem Leben in Deutschland beibehalten werde.
An einem meiner letzten Tage, blickte ich noch einmal von unserer "Dachterasse" an das Ende der Stadt, lauschte den Polizeisirenen, sah ein Flugzeug über meinen Kopf hinwegfliegen. Ein Mann fuhr auf seinem umgebauten Fahrrad vorbei, auf dem er dampfende Tamales verkaufte und
all dieses sog ich nochmal in mich ein und wusste, dass ich es schrecklich vermissen würde.
Zwei Monate bin ich nun wieder in Deutschland. Alles und gleichzeitig auch nichts ist wie vorher. Vielleicht mag es altklug klingen, aber ich sehe die Welt nun mit anderen Augen, in einem globaleren Zusammenhang. México lindo y querido. Mi México. Mi segunda casa.