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Jetzt ist mein Jahr im Ausland schon vorbei. Ich kann gar nicht richtig fassen, dass es tatsächlich volle elf Monate waren, die ich in Armenien verbracht habe. Und doch ist das Land zu einer Art Heimat geworden und ich vermisse die Zeit jetzt schon sehr.

Name:HenrikeAlter:20Einsatzstelle:Daycare-Centre "Zatik"Inhaltliche Ausrichtung:Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteilgten Familien

Ich hatte mir spannende Begegnungen mit Menschen erhofft und dass ich neue Freundschaften knüpfen kann. Diese Erwartungen haben sich mehr als erfüllt. Niemals hätte ich gedacht, so viel Gastfreundschaft, Begeisterung und Bewunderung für unsere Arbeit als Freiwillige entgegengebracht zu bekommen. In meinem Brief, den ich vor meiner Ausreise auf dem Vorbereitungsseminar geschrieben hatte, steht, dass ich mir wünsche mutiger und offener für andere Menschen und ihre Kultur zu werden, was sich erfüllt hat. Durch den wunderbaren Kontakt zu den Angestellten in meinem Projekt und die Bemühungen unserer Sprachlehrerin habe ich viele Armenier kennen gelernt und durch sie immer mehr über Armenien erfahren. Zudem sind wir Freiwilligen am Wochenende viel gereist und haben unterwegs unzählbare Begegnungen mit Leuten gehabt, die nur zu gerne über ihr Land und ihre Kultur berichtet haben. Im Nachhinein kann ich über mich auch sagen, dass ich im Laufe des Jahres abenteuerlustiger und reisefreudiger geworden bin und keine Angst mehr habe, dass ich mich irgendwo nicht zurecht finden könnte, weil ich jetzt immer sagen kann: „Das hab ich doch schon in Armenien geschafft!“ In meinem Brief habe ich auch geschrieben, dass die ehemaligen Freiwilligen, die ich vor Antritt des Dienstes kennen gelernt hatte, für mich „strahlen“, wenn sie von ihren Erlebnissen berichten und dass ich mir dieses „strahlen“ auch für mich wünsche. Ich hoffe sehr, dass ich die Erlebnisse, Abenteuer und auch die Gastfreundschaft hier in Deutschland „strahlend“ teilen kann und vielleicht damit neuen Freiwilligen Freude und Motivation mitgeben kann.

Mit der Betreuung durch die „ijgd“ bin ich rundum zufrieden. Insbesondere die Seminare waren eine hilfreiche Stütze für mich. Beim Vorbereitungsseminar hatten wir „Armenier“ das Glück die Ehemalige Afra dabei zu haben, die uns schon etwas Armenisch beibringen konnte und uns viel über Armenien erzählt hat. Dennoch war es etwas vollkommen anderes dann im Land anzukommen und selbst alles zu entdecken. Hierbei war es anfangs sehr hilfreich, dass wir von der Partnerorganisation HUJ jeweils einen Mentor zugeteilt bekommen hatten, der uns Yerevan gezeigt hat, eine SIM-Karte besorgt hat und bei wichtigen Fragen immer zur Stelle war. Meine Mentorin Hermine ist in der Zeit eine sehr gute Freundin für mich geworden, die ich noch einmal in Armenien besuchen kommen werde.

Die Arbeit in meinem Projekt „Zatik“ hat mir viel Spaß gemacht und die Kinder sind mir in der Zeit sehr ans Herz gewachsen. Besonders die Kleinen, die Anna und ich vormittags gemeinsam mit anderen Freiwilligen betreut haben, haben wir sehr lieb gewonnen und es war immer wunderbar zu sehen, wie sie sich über unsere kleinen Projekte gefreut haben. Wir haben ein großes Tierplakat gemalt, Singspiele wie „Hoppe, hoppe Reiter“ und „Bruder Jakob“ beigebracht, Weihnachtssterne gebastelt, Bratäpfel und Kekse gebacken, Ausmalbilder vorbereitet und Hüpfekästchen gespielt. Das Projekt und damit insbesondere unser Chef Ashot hat sich immer sehr über unsere Ideen gefreut. Wenn wir kleine Aktionen für die Kinder vorbereitet hatten, durften wir diese stets durchführen. Eigeninitiative ist „Zatik“ sehr wichtig und wenn die Freiwilligen selbst keine Ideen haben, kann es, denke ich, schnell langweilig werden. Die älteren Kinder, mit denen ich am Nachmittag gearbeitet habe, waren für mich anfangs sehr schwer. Das lag zum einen daran, dass ich durch meine wenigen Armenisch Kenntnisse nicht richtig kommunizieren konnte und zum anderen auch daran, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit den Kindern zwischen acht und dreizehn Jahren machen sollte. Kurz vor dem Zwischenseminar im Januar gab es eine Situation, in der ich mit ein paar der Kinder in einem Raum war und dort mit Büchern und Schuhen nach mir geworfen wurde, weil keiner lernen und Hausaufgaben machen wollte. Ich konnte mich mit meinem Armenisch noch nicht gut genug verständigen und alles, was ich gesagt habe, wurde nachgeäfft. Nach diesem Nachmittag war ich sehr frustriert und entmutigt. Da lag das Zwischenseminar für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Es hat mir unglaublich geholfen mit den anderen Freiwilligen zu reden und in Kleingruppen Probleme zu besprechen. Außerdem hat man so nochmal gehört, dass es in vielen Projekten Probleme gibt und diese teilweise viel schwerwiegender waren. Aus dem Zwischenseminar bin ich mutiger und gewappneter herausgegangen und konnte danach die Freiheiten, die „Zatik“ den Freiwilligen bietet besser wertschätzen. Ich habe danach viele künstlerische Aktivitäten mit den älteren Kindern begonnen. Das macht mir selbst viel Spaß und diese Begeisterung konnte ich vor allem mit den Mädchen teilen. Mit meinen wachsenden Armenisch-Kenntnissen wurde ich auch in neue Spiele integriert, die Kinder haben mir Geheimnisse zugeflüstert und ich konnte der Gruppenleitung helfen, ein kleines Theaterstück auf die Beine zu stellen. Hier konnte ich den Kindern helfen ihre Texte auswendig zu lernen, ein Bühnenbild zu basteln und kleine Tänze zu üben. Die Überwindung dieser Hürde mit den älteren Kindern hat mir gezeigt, dass man nicht so schnell klein bei geben darf und dass es sich lohnt an einer Sache dran zu bleiben.

Dabei wurde ich natürlich von meinem Projekt, der „ijgd“ und meinen Mitfreiwilligen wundervoll unterstützt. Im Projekt hat man mir Alternativmöglichkeiten angeboten, sodass ich übergangsweise in einer anderen Gruppe arbeiten konnte. Mit meiner Referentin Birte konnte ich die Situation auf dem Zwischenseminar nochmal besprechen und sie hat mir Mut und Zuversicht gegeben, sodass ich mit anderer Motivation an das Problem herantreten konnte. Vor der Abreise waren wir von Ehemaligen vor dem Chef der Partnerorganisation HUJ gewarnt worden und ich hatte Bedenken, dass er ungerecht oder unmenschlich sein würde, aber diese Befürchtung hat sich keineswegs bestätigt. Er ist ein Mann, dessen Meinung immer stimmt und der nicht angezweifelt werden möchte. Unser Verpflegungsgeld haben wir immer zum Anfang des Monats ausgezahlt bekommen, was nie ein Problem war. Allerdings hatten wir durch andere Informationen auf dem Vorbereitungsseminar einen höheren Betrag erwartet und mussten so mit der HUJ vor Ort und der „ijgd“ über E-Mail diskutieren bis wir das Missverständnis klären konnten. Hier hat sich gezeigt, dass der Chef sehr ungern über Geldangelegenheiten spricht, aber dennoch hat er uns immer fair behandelt und wir hatten keine Probleme. Die Wohnung war, sobald man sich an den armenischen Standard gewöhnt hatte, super und gut ausgestattet. Ich hatte sie mir zuvor wesentlich kleiner uns schäbiger vorgestellt. Als innerhalb kürzester Zeit der Küchenschank mit all unserem Geschirr, die Waschmaschine und der Wasserhahn kaputt gingen, wurde alles schnellstmöglich repariert und ersetzt. Außerdem hat die HUJ sich um unseren Sprachkurs bemüht, den wir ab der ersten Woche in Armenien besuchen konnten. In der WG habe ich anfangs mit den drei anderen deutschen „ijgd“-Freiwilligen gelebt, später haben zwei Freiwillige aus unserer WG mit anderen aus einer zweiten Freiwilligen-WG, die bunter durchmischt war, getauscht, sodass zwei Polen bei mir wohnten. Während der gesamten Zeit habe ich ein Zimmer geteilt, was für mich überhaupt kein Problem war. Ich war darauf vorbereitet gewesen mir ein Zimmer zu teilen und es war schön, nicht alleine zu sein und abends im Bett noch zu quatschen, zu stricken oder einen Film zu schauen. Das WG-Leben hat mir generell sehr gut getan. Ich habe vorher immer viel für andere gemacht und dabei wenig auf mich selbst und meine Bedürfnisse geachtet. Jetzt habe ich gelernt, dass das nicht sein muss und andere auch mal abwaschen, aufräumen oder kochen können und ich mal nach der Arbeit meine Füße hochlegen darf. Armenien hat mir auch gezeigt, dass man sich mal Auszeiten gönnen muss. Vorher konnte ich mir schwer Zeit für mich nehmen, um mal abzuschalten und zur Ruhe zu kommen, weshalb ich schnell gestresst war. In Armenien habe ich gesehen, wie selbst auf der Arbeit die Frauen sich nachmittags einfach mal Kaffee kochen, sich hinsetzen und quatschen und mal eine Pause von ihrer Arbeit nehmen. In solchen Pausen wurde sich um nichts und niemanden gekümmert und teilweise wurden Kinder, die Fragen zu ihren Hausaufgaben hatten, weggeschickt, weil die Erzieherinnen ihre Pause genießen wollten. Ich habe mir vorgenommen, etwas von dieser Gelassenheit und der Fähigkeit, sich mal eine gute Pause zu gönnen mitzunehmen und beizubehalten, weil ich gemerkt habe, dass ich das manchmal brauche und es mich schnell stresst, wenn ich alles machen und organisieren will.

Durch den Chef der HUJ und auch durch die vielen anderen Kontakte im Land wurde mir schnell bewusst, dass Männer und Frauen in Armenien doch noch einen sehr unterschiedlichen Stellenwert haben und Männer oft in der Machtposition sind. Ein weiteres Problem in Armenien ist der große Mangel an Arbeit. In meinem Projekt gab es viele Angestellte, die der Chef Ashot oftmals aufgenommen hat, damit die Leute Arbeit haben und sich ein wenig Geld verdienen können. So gab es beispielsweise Frauen, die nur zum Fegen des Hofs angestellt sind oder ein Mann, der für die Heizungen im Gebäude zuständig ist. Diese Mitarbeiter haben großes Glück, dass sie solche Arbeit verrichten dürfen und geben sich auch große Mühe. Oft habe ich erlebt, dass junge Erwachsene, die in „Zatik“, als es noch ein Waisenhaus war, aufgewachsen sind, kamen, um nach Geld zu fragen oder ihre Probleme zu besprechen. Doch Arbeitslosigkeit und Geldmangel hat nie jemanden abgehalten, uns gastfreundlich aufzunehmen, einzuladen und das Wenige mit uns zu teilen. Die Mentalität dieses Landes fasziniert mich unheimlich und es ist die Freundlichkeit der Menschen, die ich zurück in Deutschland am meisten vermisse.
Ich überlege jetzt schon, nach meinem Studium einen weiteren Freiwilligendienst zu leisten, weil die Erfahrungen aus dem letzten Jahr unersetzlich sind. Obwohl ich anfangs gerne nach Afrika oder Asien wollte, bin ich im Nachhinein froh, Armenien gewählt zu haben, weil ich von diesem Land überhaupt keine Vorstellung hatte. Es hat sich gelohnt in etwas vollkommen Neues einzutauchen und sich darin zu verlieben.
Außerdem möchte ich meine Erfahrungen weiterhin teilen und durch Vorträge an Schulen auf die Möglichkeit einen Freiwilligendienst zu leisten aufmerksam machen und darüber informieren. Dafür habe ich bereits eine PowerPoint-Präsentation und Flyer vorbereitet. Ich möchte in diesem Rahmen meine Begeisterung für einen Freiwilligendienst und insbesondere für die in Osteuropa teilen und hoffe, dass ich andere damit anstecken kann. Gerade durch den Ukraine-Konflikt hat sich mein Bewusstsein für die Osteuropäischen Länder nochmal verändert. Ich habe mich vor dem Freiwilligendienst wenig für Politik interessiert, jetzt weiß ich viel mehr über die politische und historische Situation im Osten und natürlich insbesondere in Armenien.
Zudem hoffe ich sehr, im nächsten Jahr für die „ijgd“ als Mentorin tätig zu werden und selbst einen Freiwilligen in Deutschland zu betreuen. Ein Freiwilligendienst bietet eine einmalige Gelegenheit und nachdem ich so wunderbar in Armenien aufgenommen wurde, möchte ich dieses Gefühl willkommen zu sein gerne weiter geben.

 

Viele Grüße, Henrike

 

 

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