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KVDA - Kajiei Beach

Montag, 9. August 2010, Flughafen Hannover

Es ist so weit! Der typische Backpacker-Rucksack hat so eben seine Reise angetreten, ich warte gespannt auf den Boarding-Aufruf...

Name:Anne S.Einsatzstelle:KVDA - Kajiei BeachInhaltliche Ausrichtung:Ecological, Social

Kaum zu glauben, in ein paar Stunden soll ich das erste Mal auf afrikanischem Boden stehen?! Ich freue mich auf die Farben, die Sonne, die neuen Gesichter.

Ob sich meine Erwartungen erfüllen werden? Mit dem Allernötigsten auskommen, körperlich arbeiten und am Ende ein Ergebnis sehen, neue Menschen und Lebensweisen kennen lernen, mit den Einheimischen leben. Einfach mal raus aus meinem Alltag, neue Eindrücke bekommen.

Was mich wohl in dem Workcamp erwartet? Mit der Arbeit werde ich schon klar kommen. Das Info-Schreiben der KVDA ist so ausführlich, die Arbeitsthemen klingen abwechslungsreich, das wird schon klappen. Aber die Leute im Camp...? Hoffentlich sind das nicht alles so peacige Weltverbesserer...
Ich bin froh, dass Rückkehrer zu dem ijgd-Vorbereitungswochenende gekommen sind. Sie haben alle durchweg begeistert von ihrer Zeit als volunteer erzählt, ich habe sie mit so vielen Fragen gelöchert, sie haben mich in so eine große Vorfreude auf das Abenteuer „Kenia“ versetzt – das wird schon. Überhaupt war das Seminar Ende Mai ein guter Start in dieses Sommerprojekt! Ich habe tolle Leute kennen gelernt, die Diskussionen haben die vielen Facetten einer solchen Reise aufgezeigt, es war informativ, kritisch, intensiv, hat einfach richtig viel Spaß gemacht. Die Partnerorganisation wird sicherlich auch gute Arbeit machen. Bin ja mal gespannt, ob mich wirklich jemand am Flughafen abholt, wie es verabredet ist...
Oh, boardingtime! Kenya, here I come!!!


Mittwoch, 11. August 2010, auf den Stufen vor unserem Klassenzimmer
Wahnsinn! Das ist unglaublich! Es ist gerade mal 18.30 Uhr, die Sonne geht unter, so riesig, dunkelrot scheint sie durch die Äste der Schirmakazien, jetzt schiebt sich auch noch eine Wolke davor... Wäre es nicht so wunderschön, würde ich es kitschig nennen... Wow :)
Überhaupt – ich weiß gar nicht, wie ich diese vielen Eindrücke der letzten Tage in Worte fassen kann. Ich sehe ständig genau die Bilder und Szenen, die man aus Dokumentationen und Zeitungen kennt. Bunt gekleidete Frauen, die Wassereimer auf dem Kopf tragen, Kinder in zerrissenen T-Shirts, die begeistert vom Straßenrand winken, blau-weiß uniformierte Schüler, die in den Backstein-Schulräumen sitzen, diese wunderschönen Gesichter, die staubigen Straßen.

Aber zurück zum Start. Der verlief besser als erhofft! Tatsächlich hat mich jemand von KVDA am Flughafen in Nairobi abgeholt! Mitten in der Nacht haben sie mich und andere Ankömmlinge zur Residenz gefahren, wir haben auf einem großen Matratzenlager geschlafen, am Morgen gab es Weißbrot mit Marmelade, Tee und Kaffee, fast wie Zuhause! Die anderen volunteers sind sofort mit freundlichem small-talk auf mich zugekommen, einige haben schon ein Workcamp absolviert, andere sind seit einigen Tagen in Nairobi und kennen sich bereits. Keine Startschwierigkeiten, ich fühle mich wohl.
Den Vormittag haben wir mit Vorstellungsrunden, etwas zu oberflächlichen Diskussionen und freundlichen Willkommensreden verbracht, der Besuch des Slums am Nachmittag hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Paradox, wenige Stunden später über leckerem Bohneneintopf und Chapati, diesen dünnen Pfannkuchen, zu sitzen.
Am nächsten Tag wurden wir mit Säcken Reis, Kartoffeln und Co. sowie unserem Gepäck in verschiedene Busse gestopft, auf ging es in die verschiedenen Camps.
Nach acht Stunden Kenia im Schnelldurchlauf, der ersten Zebra-Herde und durchgeschüttelt von den vielen Schlaglöchern sind wir im Camp angekommen. Eine Schule! Ein tolles Gelände, ein herzlicher Empfang. Ausladen. Wir schlafen in einem Klassenzimmer! Wir Mädchen haben sogar Fensterscheiben und ein Plumpsklo, yeah! Die Moskitonetze hängen, Isomatten und Schlafsäcke sind ausgerollt, ich habe Hunger. Es gibt Spaghetti mit Linsen!


Samstag, 21. August 2010, Café in Kericho
Halbzeit! Seit 11 Tagen lebe ich hier und habe das Gefühl, meine Mitstreiter seit Ewigkeiten zu kennen. 11 internationals sind wir, vier Spanier, eine Amerikanerin, zwei Franzosen, zwei Russen, wir zwei Deutschen (alle zwischen 19 und 25) und dazu die drei Kenianer, von denen zwei direkt aus unserem kleinen Fischerdörfchen kommen und unser Teamleader von KVDA. Wie schnell man sich gut kennen lernt! Ich mag unsere intensiven Gespräche (Englischsprechen ist für die meisten von uns überhaupt kein Problem, in Kenia spricht man, egal ob Groß oder Klein, als ehemalige britische Kolonie eh ein gutes Englisch!), egal ob beim Essenkochen (nie habe ich mir ausgemalt, wie lange das dauert auf einem Feuerchen...!), auf dem Weg zur Arbeit oder am Lagerfeuer abends. Bin wirklich positiv überrascht, wie schnell ich sie Freunde genannt habe, wie gut wir miteinander auskommen (die Kenianer inzwischen inbegriffen!). Klar, nicht alles läuft reibungslos. Unsere Einstellungen in Bezug auf die Arbeit, die Dienste (wir haben Kleingruppen fürs Kochen und Spülen gebildet) oder die Reaktion auf Bettelei etc. sind recht verschieden, aber entweder reden wir darüber oder man geht den ein oder anderen Kompromiss ein, irgendwie funktioniert alles! Und am meisten genieße ich Stefanos Gitarre, der viele von uns schöne Lieder zu entlocken wissen.
Überhaupt gefällt es mir, so unabhängig von der Elektrizität zu leben. Die Tipps der Rückkehrer waren viel wert! Ein Highlight des Tages ist das Duschen mit einem kleinen Eimer Wasser und einer Tasse. Wir haben Glück, dass vor vier Monaten auf dem Schulgelände eine Pumpe gebaut wurde, denn sonst müssten wir 45 Minuten lang Wasser holen gehen. Vor allem beim Wäschewaschen wäre es nervig, obwohl ich so wenig mitgenommen habe, dauert es lange.
Ach ja, und zwischendurch arbeiten wir auch mal ;)
Wir haben eine Art Mentor, einen alten Mann aus dem Dorf, der (zurecht!) unsere Ansprech- und Vertrauensperson ist, er organisiert vormittags die Arbeit für uns, die momentan aus dem Buddeln eines Fischteiches im Ufergebiet des Lake Victorias besteht (für kontrollierte Fischzucht, Fortsetzung eines Kommunen-Projekts), organisiert die Werkzeuge (zum Bäumepflanzen, Gemüsebeeteanlegen, Büscheschneiden), führt uns am Nachmittag in der Gegend herum und besucht mit uns Schulen, Waisenzentren und alleinstehende „Old Mamas“, die sich um Waisen aus der Familie oder Nachbarschaft kümmern. Die Nachmittage verlaufen immer unterschiedlich, dreimal pro Woche spielen wir mit den vielen Waisenkindern des Dorfes. Mich begeistert immer wieder, wie tief die Einblicke sind, die wir in so ein Dorfleben abseits von Nairobi, Mombasa und den National Parks bekommen. Deshalb bin ich hier!
Ja, und am Wochenende, so wie heute, organisieren wir selbst Ausflüge in die Umgebung. Am ersten Samstag sind wir alle zusammen nach Kisumu, die drittgrößte Stadt Kenias, gefahren, an diesem Wochenende haben wir uns in kleinere Grüppchen aufgeteilt. Vor allem anfangs war es von unschätzbarem Wert, locals dabei zu haben! Oh, es ist spät geworden, wir haben noch eine lange Rückreise in matatus vor uns (die beste Art zu reisen! Ich liebe diese klapprigen Kleinbusse, die mindestens doppelt bis dreifach besetzt sind als eigentlich möglich, während dieser Fahrten kommt man wortwörtlich in engen Kontakt mit den Einheimischen!), auf geht’s!


Dienstag, 7. September 2010, Flughafen Nairobi
Tja, das war's dann wohl... Das Camp ist schon seit einer guten Woche vorüber, ich bin noch ein paar Tage gereist, zunächst spontan mit der Amerikanerin aus meinem Camp, seitdem alleine. Angst? Nee, ich weiß doch jetzt, wie ich mich hier zu verhalten habe! Was mir dabei noch einfällt: Wirklich überrascht war ich, als ich immer wieder Situationen erlebt habe, die wir beim Vorbereitungsseminar angesprochen haben und die ich damals etwas klischeehaft bzw. an den Haaren herbeigezogen fand. Überhaupt: Ich bin zufrieden. Mit allem. Mit der Vorbereitung durch die ijgd, mit meinem Rucksack-Inhalt, mit den Camp-Erfahrungen, mit der Entscheidung, hierher zu kommen, mit mir. Irgendwie bin ich noch etwas ungläubig, aber auf jeden Fall stolz, dass ich diese vier Wochen so gut überstanden habe. Gesund, einen Kopf voller Bilder, viele Geschichten im Gepäck. Mein Resümee: Das Wort Entwicklungshilfe passt nicht zu dieser Art des Reisens. Völkerverständigung trifft es.
So ein Zufall! Da drüben steht Joan vom Orientierungstag der KVDA, er war in einem anderen Camp. Muss Schluss machen und zuhören, was er zu erzählen hat!

 

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