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ASTOVOT - Kouma Adamé, Togo

Afrikanische Kulturen haben mich schon lange fasziniert und ich wollte mir daher einmal einen eigenen Eindruck davon machen. Eine Reise in arme Regionen der Welt wollte ich aber von vorn herein mit etwas Nützlichem verbinden und den Alltag dort erleben, wie er für die Menschen ist; eine touristische Reise wäre mir falsch vorgekommen.

Name:Janina S.Einsatzstelle:ASTOVOT - ASTO 4 in Kouma Adamé, 3 WochenInhaltliche Ausrichtung:HIV/AIDS Sensibilisation

Ein Workcamp erschien mir daher sinnvoll und in diesem Sommer hatte ich durch einige Uni-Zuschüsse die finanziellen Mittel, um an einem teilzunehmen. Selbstverständlich war mir klar, dass man in drei Wochen nicht die Welt verändern kann, aber mit der Aids-Aufklärung hatte ich das Gefühl, wenigstens ein bisschen wertvolles Wissen zu hinterlassen, von dem die Menschen auch noch nach der Abreise der Freiwilligen profitieren können. Außerdem war es sozusagen ein Test eines eventuellen Berufsweges für mich, da ich gerne in der Entwicklungsarbeit tätig werden möchte und austesten wollte, wie ich mit den Bedingungen in einem Entwicklungsland klarkommen würde.

 

Einige Tage nach meiner Anreise erfuhr ich nebenbei, dass das Camp, für das ich mich angemeldet hatte, wegen mangelnder Teilnehmer nicht stattfand, sondern mit einem anderen zusammengelegt wurde. Am Ende waren wir sechs europäische Freiwillige und neun Togolesen. Schade fanden wir die Geschlechterverteilung: während die Togolesen ausschließlich Männer waren, waren alle Europäer Frauen. Da eine ähnliche Verteilung in anderen Workcamps zu beobachten war, erscheint mir dies als eine generelle Tendenz in Europa bzw. Togo. Untergebracht waren wir zunächst in Räumlichkeiten auf einem Hof, auf dem auch noch eine Familie wohnte, Europäer und Togolesen getrennt; später zogen wir noch einmal um und schliefen ab dann alle zusammen in einem Raum, benutzten aber weiterhin Küche und Gemeinschaftsraum des anderen Hofes. Eimerduschen, für die das Wasser aus einem Bach im Wald geholt werden musste, waren wie das Plumpsklo einfach, aber für lokale Standards durchaus gut. Gewöhnungsbedürftig war zu Beginn natürlich Einiges, aber die Geröllhang-ähnlichen Straßen, riskanten Fahrmanöver, oder das Tragen eines 10-Liter-Eimers auf dem Kopf wurden schnell zur Normalität.

 

Es verging fast eine Woche, bis wir überhaupt mit der Arbeit begannen; wie wir alle schnell merkten, geht in Togo das Meiste etwas langsamer und Zeit ist für die Leute, mit denen wir zusammenarbeiteten, sehr relativ. Wenn wir beispielsweise vereinbarten, am frühen Morgen zu unserer Einsatzstelle aufzubrechen, war es nichts Ungewöhnliches, wenn die tatsächliche Abfahrt erst bei Einbruch der abendlichen Dämmerung war. Die ersten Tage absolvierten wir traditionelle Begrüßungszeremonien bei den Dorfautoritäten, inklusive hochprozentigem Togo-Gin gegen halb 9 Uhr morgens, und bekamen eine kleine Schulung, um unser Wissen über HIV/AIDS aufzufrischen und zu besprechen, was der Bevölkerung mitgeteilt werden sollte. Eine Woche lang gingen wir dann in kleinen Gruppen jeden Vormittag von Haus zu Haus und sprachen mit den Leuten, die wir antrafen, über HIV-Übertragungswege, Präventionsmaßnahmen, und Aids-Tests. Unsere Zuhörer waren meist Frauen, Kinder und Jugendliche, aber auch einige alte Leute und Männer, von denen viele allerdings oft auf den Feldern arbeiteten. Ich habe die Bevölkerung als sehr offen empfunden, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass Sex und Aids immer noch als Tabuthemen angesehen werden. Die Gespräche wurden hauptsächlich auf Ewé geführt, der Muttersprache der Einheimischen der Region, da viele der Dorfbewohner zwar oft etwas Französisch verstanden, aber wenig sprachen. Es waren immer ein oder zwei Togolesen in den jeweiligen Arbeitsgruppen, die als Dolmetscher agieren konnten und sich außerdem bezüglich des traditionellen Begrüßungskodexes auskannten, der sehr genau festgelegt schien. Die Verständigung unter den Freiwilligen war Französisch und die Togolesen waren für mich nach einer kurzen Gewöhnungsphase an die andere Aussprache meist gut zu verstehen.

 

Alle alltäglichen Aufgaben wie Kochen, Wasser holen, und Putzen wurden gruppenweise rotierend erledigt. Insbesondere der Küchendienst nahm enorm viel Zeit in Anspruch, so dass nach Beendigung der vormittäglichen Sensibilisierungsarbeit und dem Mittagessen oft gar nicht mehr so viel vom Nachmittag übrig war. Besonders die Togolesen hielten oft Siesta, ansonsten verbrachten wir die Zeit mit „Haushaltserledigungen“ (z.B. Kleidung waschen, kleine Einkäufe im Dorf) oder kurzen Ausflügen nach Kpalimé. Auf das Zusammenleben in einer Gruppe unbekannter Menschen hatte ich mich durch das Vorbereitungsseminar schon eingestellt und besonders durch die Berichte der Rückkehrer war man zumindest theoretisch auf die häufigen Verzögerungen und sehr flexiblen Zeitangaben eingestellt. Dennoch empfand ich das viele Warten teilweise als sehr anstrengend; die Anzahl der Aktivitäten während eines Tages waren im Vergleich zu meinem Leben in Europa gering und ließ die Tage oft sehr lang erscheinen. Gegen Ende meines Aufenthaltes erfuhr ich jedoch von einem Teilnehmer eines anderen Workcamps, dass ASTOVOT in Togo die am besten organisierte Organisation für Projekte wie unseres sein soll, und an lokalen Standards gemessen ist sie dies sicher auch. Ich habe mich von den Verantwortlichen gut betreut gefühlt; besonders der Empfang war wirklich fürsorglich. Da ich einige Tage früher angereist war, und mein Camp außerdem etwas später begann, hatte ich zunächst einige Tage „Leerlauf“ in Lomé. Während dieser Zeit wurde ich von einem ASTOVOT-Mitglied unterhalten, habe nicht nur viel von Lomé gesehen, sondern auch einige umliegende Orte wie Togoville und Agbodrafo (wo früher die Sklaven gesammelt und auf ihre „Verschiffung“ vorbereitet wurden). Während des Camps waren zwei Animateure für uns verantwortlich, von denen einer sehr dynamisch und kompetent war, der andere leider manchmal etwas hilflos. Als ich allerdings in der zweiten Woche krank wurde, ist auch dieser sofort mit mir zum Arzt gefahren und hat sich gut um mich gekümmert. Der Besuch im Krankenhaus in Kpalimé (Ärzte gibt es sonst wohl nirgends) und meine Krankheit waren rückblickend eine wichtige, wenn auch nicht schöne, Erfahrung. Mit der spartanischen Ausstattung hatte ich gerechnet, aber von ihr abhängig zu sein, war für mich eine Situation, mit der ich schlecht klarkam. Als Europäer wird man scheinbar grundsätzlich anders behandelt als Einheimische, d.h. man wird sofort mit Antibiotika und anderen Hammer-Mitteln behandelt, um ja kein Risiko einzugehen. Da ich nach einer Woche Behandlung immer noch sehr abgeschlagen war, entschloss ich mich, eine Woche früher abzureisen, da die Sorge um meine Gesundheit recht groß war.

 

Am interessantesten war für mich der direkte Kontakt mit den Menschen im Dorf. Es war spannend, in die Häuser der Menschen zu gehen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Die Fröhlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen trotz der einfachen Lebensverhältnisse hat mich beeindruckt, auch wenn ich dies durch Informationen aus den Medien von zu Hause schon erwartet hatte. Viele meiner Eindrücke waren deshalb oft insofern überraschend, als sie tatsächlich das Bild bedienten, was ich von Westafrika erwartet hatte. Ein Gang durchs Dorf genügte beispielsweise, um von einer Gruppe Kinder umringt zu sein, und abends vertrieben wir uns die Zeit oft mit Trommeln, Tanzen und Singen. Selbstverständlich war es etwas Anderes, in dieser wirklich anderen Welt für eine Zeit zu leben und mit den lokalen Gegebenheiten konfrontiert zu sein, aber da ich mir der Zustände dort und des allgemeinen Nord-Süd-Gefälles theoretisch bewusst war, halten sich die Konsequenzen der Workcamp-Teilnahme für meinen Lebensalltag eher in Grenzen – abgesehen davon, dass man fließend Wasser und ein richtiges Bett mehr zu schätzen weiß. Die Erfahrung hat mich allerdings in meinen beruflichen Plänen weitergebracht, da ich festgestellt habe, dass ich mir einen längeren Aufenthalt in einem Entwicklungsland nicht vorstellen könnte und somit meinen Arbeitsplatz eher in Europa suchen werde. Außerdem hat die Zufriedenheit der Togolesen in ihrem eigenen „Lebensraum“ Eindruck bei mir hinterlassen und mir klargemacht, dass man sein Glück nicht unbedingt in der Ferne, sondern oft viel besser vor der eigenen Haustür finden kann.

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