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Workcamp in Indien

Safrangelb - Mut 

Eine gehörige Portion Mut gehört wohl dazu, sich für ein Workcamp­ Abenteuer in der Ferne zu entscheiden. Doch den habe ich, denn dies ist bereits das zweite Workcamp; an dem ich, über ijgd vermittelt, teilnehme. 

Name:Anne S.Einsatzstelle:FSL-WC-515Inhaltliche Ausrichtung:Social/Kids

2010 zog es mich nach Kenia, in diesem Jahr steht Indien auf dem Programm. Das Vorbereitungsseminar der ijgd entfällt bei der Teilnahme an einem zweiten Workcamp, doch ich habe noch in guter Erinnerung, wie zuversichtlich, beruhigt und voller Vorfreude ich mit einer langen Liste an Tipps und Tricks vom Seminarwochenende zurückkam.

 

Mutig musste ich sein, als ich entgegen aller Befürchtungen meiner Familie und Freunde das Flugzeug bestieg. Das Kribbeln im Bauch bestand nicht nur aus freudigem Gespanntsein auf die neuen Eindrücke, sondern auch aus den Zweifeln, ob ich an alles gedacht hatte, ob die Reise vom Flughafen nach Chennai zum Treffpunkt in Pondicherry funktionieren, ob ich gesund wiederkommen würde.

Doch als nach meiner Ankunft zwar kein Bankautomat am Flughafen funktionierte, jedoch eine Wechselstube geöffnet hatte, als das pre-paid-Taxi mich wohlbehalten durch den Verkehr zum Busbahnhof gebracht und das freundliche Mädchen im Bus nach Pondicherry mir die
ersten Wörter im Tamil-Dialekt beigebracht hatte, waren die meisten Sorgen schnell verflogen und es brauchte keinen weiteren Mut, die nächsten vier Wochen in diesem bunten, chaotischen, widersprüchlichen, wunderbaren Land zu genießen.

Weiß - Wahrheit und Friede

Wie im infosheet verabredet, traf sich unsere Campgruppe am Bahnhof Pondicherry, auch der Organisator unseres Camps war früh anwesend. Schnell konnte man die bepackten, verschwitzten Europäer und Süd-Koreaner im Straßenbild ausmachen. In zwei Rickschars fuhren wir zum Camp. Wir waren in einem Gebäude untergebracht, das zu dem öffentlichen Schwimmbad gehörte und die Umkleidekabinen und Duschen, den Wohnraum des Managers, einen Kraftraum und zwei Schlafsäle mit Stockbetten im Jugendherbergstil beinhaltete. Es gab Elektrizität und fließend Wasser, auch wenn ab und an mit Ausfällen zu rechnen war, sowie eine Klimaanlage, Gekkos und Sitzgelegenheiten wie in Wartehallen. Da es außer einer Kochplatte keine Kochgelegenheiten gab, wurde unser Frühstück und Abendessen in Plastiktüten vom take-away angeliefert. Da ich in Kenia erfahren hatte, wie viel Spaß das gemeinsame Kochen und Bestreiten des Campalltages macht, finde ich noch immer schade, dass wir nicht selbst gekocht haben. Solche Gruppenaktivitäten hätten unserer inhomogenen Gruppe (zwischen 19 und 63 war jedes Altersjahrzehnt vertreten) gut getan, denn die nah gelegene, ehemalige französische Koloniestadt hat viele von uns nach der Arbeit gelockt. So kam es zu einigen Konflikten zwischen den Teamleadern (die nach drei Tagen den Organisator ablösten) und einigen Gruppenmitgliedern, denn die abendlichen Teamsitzungen wurden nun direkt nach der Arbeit gehalten und beim Abendessen waren nicht alle anwesend. Wie auch in Kenia habe ich wieder den Eindruck erhalten, dass das eigentlich Anstrengende an einem Workcamp die Konflikte innerhalb der Gruppe sind. Doch sich dadurch nicht die Stimmung verderben zu lassen, kompromissbereit zu handeln und die Initiative zu gemeinsamen Aktivitäten zu ergreifen, sind Möglichkeiten, um den Frieden in der Gruppe wieder herzustellen.

Rad des Gesetzes mit 24 Speichen - die 24 Stunden des Tages


Je nach Jetlag wachten wir auf, um 8.30 Uhr gab es Frühstück. Ob Reisküchlein mit köstlicher Ingwer-Kokos-Sesam-Soße oder mildem Curry, pfannkuchenähnliches Gebäck oder Weißbrot mit Marmelade, der zuckersüße Schluck Chai und köstliche kleine Bananen waren auf jeden Fall Bestandteile der Mahlzeit. Spätestens um 9.30 Uhr holte uns der Rickscharfahrer ab und wir wurden im Indian-style laut hupend, drängelnd, von Schlaglöchern durchrüttelt, Abgase atmend und anderen Verkehrsteilnehmern zuwinkend zur Einsatzstelle gefahren. Morgens verrichteten wir Maler-, Aufräum- und Gartenarbeiten in einer Schule, nachmittags unterrichtete eine kleine Gruppe in der Schule, während der Großteil der Gruppe im Waisen- und Behindertenheim war, um mit den etwa 60 behinderten Kindern zu spielen, malen, herumzualbern, physiotherapeutische Übungen oder einen Ausflug zum Strand zu machen. Zwischen der anstrengenden Arbeit in der heißen Vormittagssonne und den turbulenten, lauten BeSChäftigungen mit den Kindern gab es eine entspannte Mittagspause, in der wir Essen, meist Reis mit verschiedenen Gemüsen und Currys, aus dem Behindertenheim bekamen. Gegen 16 Uhr beendeten wir die Arbeit, trafen uns zur Besprechung und erreichten
gegen 17 Uhr wieder das Camp. Bis zum Abendessen um 19.30 Uhr­ - dann gab es gebratenen Reis, Hühnchen, Chapati mit Currys oder noodles - hatten wir Freizeit. An drei Abenden stellte jeder in einer kurzen Präsentation sein Land vor. Das Wochenende verbrachten wir in kleinen
Gruppen je nach Belieben. Die vielseitige Gegend um Pondicherry bot zahlreiche Ausflugziele und ich entschied mich, mit den Süd-Koreanerinnen in die nahe gelegene Stadt Mahabalipuram zu reisen, um das dortige Weltkulturerbe zu bewundern, Pluderhosen zu ersteigern und die Füße in dem Golf von Bengalen zu kühlen.


Grün - Glaube, Wohlstand, Treue

Auch dieses Mal bin ich von den Möglichkeiten begeistert, die einem ein Workcamp bietet: das Leben an einem nicht-touristischen Ort für einen längeren Zeitraum, der Kontakt zu Einheimischen, der Einblick in das Schul- und Heimalltagsleben, die Gelegenheit, persönlichere Fragen stellen zu können, da man sich bereits einige Tage kennt, das Kennenlernen von Menschen aus aller Welt, die Tipps von Campmitgliedern erhalten, die bereits einige Zeit in dem Land gereist sind, die ausführlichen Antworten der Teamleader auf alle möglichen Fragen nach Körpersprache, Verhalten, Werten und Traditionen, die Zufriedenheit, körperlich gearbeitet und den Kindern Freude gemacht zu haben.

Ich bin sehr froh, dass ich an diesem Workcamp teilgenommen habe, denn es bot einen perfekten Anfang in einem Land, das mich sehr begeistert und eingenommen hat. Mit der passenden
Lektüre sind mir die vielen Facetten der indischen Kulturen, Religionen und Lebensweisen näher gekommen. Auch das anschließende zweiwöchige Alleinreisen hat mir sehr viel Spaß gemacht, denn während des Camps habe ich gelernt, mich respektvoll zu verhalten, mit Rickscharfahrern um Preise zu verhandeln, Einheimische in ihrer Sprache zu grüßen, einen Zug zu benutzen, im Straßenverkehr zu überleben und auf eigene Faust die Gegend zu erkunden.

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.