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Workcamp in Nepal

Lächelnd schließe ich die Tür hinter mir, ich schaue mich um. Ein enger schummriger Raum, ein stetes Murmeln, unterbrochen durch die irrwitzigsten Hupfanfaren, schallt von der Straße, durch die Nacht an das offene Fenster. Leiser Monsunregen benetzt die Stadt, besser das Labyrinth aus löchrig engen Gassen mitten in einen riesigen Talkessel gelegen, am Fuße des Himalajas.

Name:Georg K.Einsatzstelle:FFN - BanepaInhaltliche Ausrichtung:Ökologie/ Konstruktion

Von einer seltsamen Energie geladen verharre ich. Da bin ich nun, schwer vorstellbar, wenige Stunden zuvor noch im fleißig Fahne schwenkenden Deutschland, über Wüsten, Meere und ,,-istan Länder" gedüst und nun hier aufgeschlagen. Ein kleines Hotel in Thamel, Kathmandu, Nepal. ..

 

Die Idee dafür kam mir schon vor Monaten. Bereits im November des Vorjahres begann ich mit frisch gewecktem sozialen Eifer, während meines Zivildienstes an einer Förderschule für geistig Behinderte, mit meinen Zivi-Mitstreitern von fernen Ländern und der erfüllenden Dimension sozialer Arbeit zu träumen. Mit geringem Rechercheaufwand im Internet stieß ich bei der IJGD auf die angebotenen Workcamps. Zunächst erschienen mir diese nur als der beste Kompromiss aus immenser Reiselust und knapper Zeit, doch umso mehr ich mich gedanklich mit der Idee dieser Campen auseinandersetzte, zeichnete sich da ein ideale Möglichkeit auf, ein Land auf Augenhöhe kennen zu lernen und den riesengroßen Erdball mit den anderen Freiwilligen aus allen Ecken der Welt gemeinsam ein gehöriges Stück schrumpfen zu lassen. Im Vordergrund stand für mich also die Neugier. Zum einen auf den Globus, insbesondere dem indischen Subkontinent, den ich bereits zuvor kurz erleben durfte. Dazu kam eine unglaubliche Neugier auf das "Volunteering", wenn auch nur in kürzester Auführung. Die Möglichkeit gemeinsam mit den Menschen vor Ort an einen Projekt zu arbeiten, stets im offenen Austausch miteinander, faszinierte mich. Turmhohe Erwartungen also. Was konkret ich mir jedoch darunter vorzustellen hatte, war für mich nur schwerlich greifbar. Selbst nach der herausragenden Vorbereitung durch die ijgd, deren Offenheit die Erwartungen an das Workcamp noch um einiges in die Höhe geschraubt hat, ist es unmöglich aus all den Gehörten, Gedachten, Erhofften ein konkretes Bild vor Augen zu haben. Wäre ja auch zu langweilig.

Im Rahmen eines Workcamps des New International Friendship Clubs Nepal (NIFC - jetzt: FFN) nehme ich also die weite Reise in die grünen FoothilIs des Himalajas auf mich. Gemeinsam mit 7 anderen Freiwilligen aus Südkorea, Frankreich und Tschechien und unter liebenswerter Obhut zweier  engagierter Campleader aus Nepal habe ich etwas mehr als 2 Wochen in einen kleinen Dorf nahe Banepa, 30 km östlich von Kathmandu verbracht. Gleich südlich von Banepa erhebt sich an einem Hang ein tropischer Wald, der Shree Sharadadevi Community Forest, an diesen Hang geschmiegt liegt Sinagal in dessen Dorfgemeinschaft wir unterkamen. Die NIFC ist bereits seit mehreren Jahren mit Workcamps hier aktiv. Das Konzept eines solchen Commuity Forest geht von der Regierung aus und besteht darin, der ansässigen Bevölkerung die Verantwortung für den Wald vollständig zu übertragen. Damit wird in erster Linie Arbeit für die sonst größtenteils unbeschäftigten Bewohner geschaffen, aber weiterhin fördern diese Gemeinschaftswälder den Erhalt der Dorfstruktur und die nachhaltige Entwicklung eben dieser. Der Wald wird gepflegt, geschützt und nachhaltig genutzt, sodass die gesamte Gemeinde davon profitiert, die zusätzlich noch in den Genuss einer weitestgehenden Selbstverwaltung kommt. Die NIFC hat sich einen dieser Community Forests ausgesucht, um in diesen Rahmen ihre Ideen von Austausch, Freundschaft und daraus entstehender Verständigung unterschiedlichster Menschen umzusetzen. Die Workcamps der NIFC unterstützen die Bewohner Sinagals bei ihrer Arbeit. Über die Jahre sind so eine 2 km lange Straße, eine nachhaltige Trinkwasserversorgung, mit mehrere Brunnen, Leitungen und Wassertanks, größere Pflanzungen für den Erosionsschutz, einige Feuerschneisen zur Waldbrandverhütung und vor allem ein reges Interesse, ein reger Austausch insbesondere mit den Kindern Sinagals und gegenseitiger Respekt entstanden.

Das alles bedeutete für unsere kleine Gruppe an munteren Freiwilligen viel Arbeit, körperliche Arbeit. Im Juli keine leichte Sache, enorme Luftfeuchte, enorme Temperaturen über 30°C in der steil aufragenden Mittagssonne an ebenso steil aufragenden Hängen, sorgten für viel Schweiß.

Unsere 10-köpfige Gruppe bezog ein typisches, zweistöckig nepalesisches Bauernhaus inmitten des Dorfes. Ein kleiner Vorplatz mit einen etwas niedrigen Toilettenhäuschen mit Wasserverschluss (!), selbstgebauter Dusche und einer überdachten Plattform am Hauseingang bildete das Zentrum unseres Workcamp Alltags. Bastmatten machen den Lehmboden zu einer komfortablen Sitzgelegenheit. Auch der gesamte Wohnbereich im ersten Stock, bestehend aus einer spartanischen Küche und einen mit Decken ausgekleideten Schlafraum für 10 Menschen bot genügend Gemütlichkeit um sich heimisch zu fühlen.

Die aneinander gedrängten Nächte endeten sehr human zwischen 7:30 und 8:30. Frühstück, Mittag, Abendessen wurde jeweils von der zweiköpfigen, täglich wechselnden "Kitchengroup" und einen der beiden Campleader vorbereitet. Das bedeutet meist Wasser aus dem Brunnen den Hang hinauf tragen, Abwasch erledigen, Gemüse schnippeln. Gewährte jedoch gleichzeitig tiefe Einblicke in der Kunst der Dhaalbat- Zubereitung, die 2-mal tägliche Leibspeise aller Nepali, bestehend aus Reis, einen gut gewürzten Curry und einen Löffel suppenähnlichen Dhaal. Einkäufe werden aus dem Campbeitrag finanziert. 9: 30 ist Arbeitsbeginn, unsere kleine Gruppe erklettert den Berg. Die Bewohner teilen uns über die Campleader mit was alles zu tun ist, diese wählen eine Tätigkeit aus und so entsteht ein bunter Arbeitsmix. Mit Unterstützung aus dem Dorf wird Zement gemischt, Zäune verlegt, Erde bewegt, Bambus gepflanzt und vor allem viel Stein gebrochen. Trotz ausgiebiger Pausenpolitik beenden wir die Arbeit meist gegen 2 und torkeln den Berg wieder hinab. Vorbei an immergrünen Maisfeldern, bunten Saris, natürlichen Hanfsträuchern und Kühen trotten wir dem schattigen Camphaus entgegen. Der Rest des Tages stand zur freien Verfügung. Viel Zeit! Genügend Zeit für Ausflüge. Die Grundzüge des nepalesischen Geschäftslebens, sowie die ordnungsgemäße Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel waren leicht von den beiden Campleadern abzuschauen. Somit konnten wir die gesamte Umgebung, wie etwa das wunderschöne Panauti oder etwa das luftige Dhulikel auf eigene Faust erkunden, stets auf Augenhöhe, meist in der Gruppe, immer eine fantastische Art des Reisens. Je nach Laune war es auch möglich mit den unermüdlichen Kindern in Sinagal herumzutollen, eine Art Brot bei den Nachbarn zu backen, eine Partie Schach zu spielen oder einfach nur die Seele baumeln zu lassen. Bis zum Abend, der dann mit allerlei sinnigen bis unsinnigen Gesellschaftsspielen vergnügt dem wohlverdienten Schlaf endete.

Die Campsprache war Englisch, über die alle problemlos kommunizieren konnten. Dennoch lag manchmal ein wenig zuviel Französisch oder Koreanisch in der Luft, sodass die erhoffte Offenheit nicht immer zu finden war. Mit den Bewohnern Sinagals entwickelten sich eine Art Englisch-Nepali-Wortbrocken-Sprache, bestehend aus vielsagenden Blicken, unbeholfener Gestik und stillen Einvernehmen, welches völlig ausreichte. Oft konnten auch die Kinder als ausgezeichnete Dolmetscher fungieren. Die beiden erfahrenen Campleader handelten nach den selbstausgesprochenen Maximen: "I always want to make everyone happy" und "No thanks and "No sorry". Allein diese Sätze ließen uns schmunzeln. Sie waren die ständigen Vertreter der FFN, aber doch mehr Freunde und betreuten uns die Tage über sehr engagiert. Auch über das Workcamp hinaus verbrachten wir alle die bereitgestellten 2 Ferientage gemeinsam auf Safari in Chitwan und ich konnte sie auf meiner weiteren Reise noch mehrmals in Kathmandu treffen.

Von der Neugier getrieben durchlebte ich das Workcamp in Banepa. Da waren meine Erwartungen, mit denen ich angereist bin und gleichzeitig die absolute Fremde der grünen Hügel, die ich auf mich wirken lassen wollte. In den beiden Wochen lebte ich ganz anders, völlig fremd eben, anders als jemals zuvor und das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir alle erleben durften. Die Arbeit im Workcamp war sehr wichtig, nur dadurch standen wir auf einer Stufe mit den Bewohnern des Dorfes, mit den Menschen Nepals. Dennoch liegt der Wert dieser Arbeit mehr in der Kommunikation als in ihrem sichtbaren Ergebnis. Als Teil eines langfristigen Engagements konnten wir nur kleine Teilarbeiten erledigen, kurze Einblicke gewinnen, aber eben dadurch die bestehenden Unterschiede in Arbeitsweise, Leben und Denken beobachten und einschätzen. Meiner Meinung nach ist dies die beste Art Menschen und Regionen kennen zu lernen. Da war auch das babylonische Gruppengefühl, welches die unterschiedlichsten Menschen auf einfachste Art und Weise völlig problemlos miteinander Leben lässt. Die erfahrene Einfachheit des Lebens hinterließ einen großen Abdruck in meiner Vorstellung. Es braucht nicht viel Komfort, man kann auf so vieles Verzichten. Somit entstand in mir eine neugeordnete Wertschätzung an Lebensweisen, materiellen Dingen und Lebensansichten. Alles in allem konnte ich durch das Workcamp die Welt kennen lernen. Sie ist tatsächlich geschrumpft, ein klarer Blick auf die unglaubliche Vielfalt, eine noch größere Reiselust, ein Gefühl dafür wie unfair der Globus doch ist und vor allen Dingen wie klein er doch ist. Sehr klein und unglaublich voll.

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