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Workcamp in Ecuador

14. September, Dämmerung im Süden von Quito, eine buntbemalte Hauswand mit Nebelwaldmotiv – Solamente cuando el éltimo río sea contaminado, solamente cuando el último árbol sea cortado, y solamente cuando el último pez sea pescado – solo ahí entenderemos que no podemos comer dinero - der darauf geschriebene Spruch.

Name:Noemi KEinsatzstelle:Chiriboga und QuitoInhaltliche Ausrichtung:Ökologie, Konstruktion + Englischunterricht

 

Ich bin angekommen in der Fundación – Treffpunkt für die Workcampler und Sammelpunkt sämtlicher anderer Freiwilliger, die meist hier ankommen bevor sie in ihre Projekte im ganzen Land verteilt geschickt werden. Ein bunt gemischter Haufen verschiedenster Nationen. Gegründet wurde die Fundación einst zum Schutz eines kleinen Reservats „Chiriboga“ im Nebelwald. Erst später wurden weitere Projekte im ganzen Land „im Programm“ aufgenommen.

Am Abend dann wurden alle Workcampler versammelt und Virginia und Carmen, die beiden Leiterinnen der Organisation, stellten sich vor und erklärten den weiteren Ablauf. Endlich hatte man einen Überblick, mit wem man eigentlich den nächsten Monat verbringen würde. Wir waren acht internationals aus Frankreich, Schweiz, Spanien, Kanada, Mexico – ich bin die einzige Deutsche. Das hat mich sehr gefreut. Im ersten Teil des Workcamps waren außerdem sieben Ecuadorianer dabei. Geredet wurden hauptsächlich Spanisch und Englisch.

Die Zusammenarbeit mit Menschen aus verschiedenen Ländern war auch ein Hauptgrund, warum ich mich für ein Workcamp und nicht für eine andere Art von Freiwilligendienst entschieden habe. Heute würde ich sagen, dass es auch durchaus reizvoll ist einen etwas längeren Freiwilligendienst zu absolvieren, aber was eindeutig das Beste an einem Workcamp ist, ist die internationale Gruppe. Nach Südamerika zu reisen, Landschaft und Leute kennenzulernen, war schon lange ein großer Traum und so entschied ich mich nach dem Abi für ein halbes Jahr Ecuador einschließlich Freiwilligendienstes.

Das Workcamp bestand aus zwei Teilen, zwei Wochen lang würden wir im Reservat „Chiriboga“ verbringen und anschließend zwei Wochen an der Küste Englischunterricht geben.

Am nächsten Tag ging es also los - mit dem öffentlichen Bus nach Chiriboga, mitten im Nichts, aber wunderschön. Etwa 2 ½ Stunden Busfahrt von Quito entfernt liegt das kleine „Dorf“ Chiriboga, bestehend aus einer Straße und einigen Häusern. Ca. 20 Minuten Fußweg davon entfernt liegt das Haus der Fundación, fast im Nebelwald und direkt neben einem Fluss, in dem man sich nach der Arbeit oder in den Pausen wunderbar erfrischen konnte. Eines der großen Vorteile Ecuadors: man hat so viele verschiedene Landschaftstypen, die doch so nah beieinander liegen.

Wir haben jeweils zu zweit oder zu dritt gemeinsam ein Zimmer (mit Badezimmer!) geteilt. Das Ganze war luxuriöser als ich mir es zuvor vorgestellt habe – Internet gab es natürlich keines, aber Strom und fließendes Wasser, was mit einem Feuer sogar einmal am Tag erwärmt wurde.

Da die Arbeit körperlich schon ziemlich anstrengend war, haben wir meist nur morgens gearbeitet, wobei wir natürlich immer überaus pünktlich mit der Arbeit begannen – so pünktlich wie es in Ecuador eben üblich ist.

Gearbeitet haben wir immer in zwei Gruppen, die beinahe immer neu gemischt wurden, sodass man mit anderen zusammen arbeiten konnte und unterschiedliche Tätigkeiten ausführen durfte. Die erste Gruppe blieb auf dem Gelände der Fundación, um verschiedene Aufgaben zu erledigen. Meistens halfen wir dabei ein weiteres Haus für Seminarräume zu bauen. Wir holten Steine aus dem Fluss und legten sie ins Fundament (um Beton zu sparen), transportieren Holz und Steine und – unser größtes Erfolgserlebnis – luden 900 Ziegelsteine von einem LKW und transportierten diese zum Haus. Mein Rücken war am nächsten Tag nicht gerade dankbar für diese Aktion, aber wir hatten trotzdem eine Menge Spaß. Die zweite Gruppe arbeitete im Nebelwald, natürlich nicht alleine. Dann wären wir wohl nie zurück gekehrt, denn Wege gab es selbstverständlich keine, stattdessen kämpften wir uns mit Macheten durch grünes Pflanzendickicht, kletterten steile Abhänge hinauf, kletterten oder eher rutschen diese hinunter und waren einfach mittendrin in der puren Natur. Das war sicherlich ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Anstrengend war das allemal, aber wer kann schon von sich behaupten, sich quer durch den Nebelwald geschlagen zu haben? Ich habe mich immer wieder gefragt, wie die ecuadorianischen Freiwilligen (die wohl öfter in Chiriboga mithelfen) und unser „guide“ sich dort haben orientieren können – obwohl man dazu sagen muss, dass unser „guide“ schon sein ganzes Leben in Chiriboga verbracht hat. Wir hatten im Wald jedenfalls zwei Aufgaben: Zum einen arbeiteten wir daran, das Gebiet auf einer Karte festzuhalten – mit GPS-Gerät und allem was dazugehört. Zum anderen werteten wir das Gebiet quasi aus. Damit die Organisation belegen kann, dass das Gebiet zu schützen wert ist, zählten wir Bäume und nummerierten sie, unser „guide“ bestimmte ihre Art und schätzte ihre Höhe, während wir protokollierten und den Stammumfang maßen. Ca. 140 Bäume am Tag – unser stolzer Rekord.

An den Nachmittagen gingen wir manchmal ins Dorf, um etwas zu trinken, gingen auf dem und um das Gelände in der Natur spazieren, ritten das einzige zugerittene Pferd und schwammen im Fluss. Was besonders viel Spaß machte, waren unsere Diskussionsrunden, wenn wir z.B. über Umweltschutz in den verschiedenen Ländern redeten – das war schließlich eine einmalige Gelegenheit, so viele Sichtweisen, Ideen und Vorgehensweisen aus so unterschiedlichen Ländern kennenzulernen. Abends habe ich nicht nur jede Menge neue Kartenspiele gelernt und Zeit am Lagerfeuer verbracht, sondern auch eine Menge anderer verrückte Gruppenspiele gespielt – so gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Besonders ein Abend blieb in Erinnerung: der 24. Geburtstag der Schweizerin – samt ecuadorianischer Traditionen vom Torte ins Gesicht drücken bis zu den 24 Schlägen mit dem Gürtel auf den Hintern – jeder durfte mindestens einmal ran.

Nach diesen wunderschönen zwei Wochen freuten wir uns nun alle auf die Küste Ecuadors und vor allem auf das Englischunterrichten – „ein Satz mit X – das war wohl nix“. Denn genau in diesen beiden Wochen hatten die Kinder an der Küste Ferien. Zunächst waren wir alle ziemlich deprimiert: wir saßen also in Jipijapa, dem Dorf an der Küste, wo wir übrigens jeweils zu zweit oder dritt in Gastfamilien untergebracht waren, hatten nichts zu tun – keine Kinder in den Schulen und die versprochenen anderen Aufgaben, die wir angeblich bekommen sollten, existierten eigentlich gar nicht -, und konnten auch Carmen, die Leiterin die mit uns gefahren war, um die ersten Tage zu organisieren, nicht ausfindig machen. Das Problem wurde dann aber doch ganz schnell gelöst – am nächsten Tag trafen wir uns mit Carmen und schnell waren wir uns einig: wir würden diese Woche einfach mit allen Freiwilligen gemeinsam in der Küstenregion reisen, um auch diesen Teil von Ecuador kennenzulernen. Anschließend würden wir nach Quito zurückkehren, im Haus der Fundación wohnen und Englisch in Schulen im Süden Quitos unterrichten, denn in der „Sierra“ hatten die Schüler gerade keine Ferien. Gesagt getan – wir verbachten eine tolle Woche, sahen Wale (ein unvergessliches Erlebnis), verbachten Zeit am Strand im wunderschönen Fischerdorf Puerto López und verrückte Nächte im Hippie-Party-Dorf Montañita. Zurück in Quito haben wir an unterschiedlichen Schulen Englischunterricht gegeben oder falls es Englischlehrer an der Schule gab, diese beim Unterrichten unterstützt und Teile des Unterrichts übernommen. Morgens arbeiteten wir mit Kindern zwischen 6 und 13 Jahren; dabei ging es vor allem um die Grundlagen des Englischen, leichte Grammatik, einfache Vokabeln und die Aussprache, die für Ecuadorianer wohl ziemlich schwer ist – einmal verbrachten wir 20 Minuten damit das Wort „relax“ auszusprechen. Die Arbeit mit den Kindern hat mir allerdings sehr viel Spaß gemacht; ich wurde so herzlich aufgenommen, jeden Tag mit Umarmungen begrüßt und mit Fragen gelöchert. Ob wir langfristig etwas ausrichten konnten, wage ich zu bezweifeln – am Ende konnten die Schüler zwar von one bis ten zählen, aber wenn man fragte, was eigentlich „cinco“ auf Englisch heißt, musste zunächst einmal von one bis five gezählt werden. Trotzdem war diese Woche für beide Seiten eine unglaublich wertvolle Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen will. Mir persönlich hat die Arbeit dort so gut gefallen, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt während meines halben Jahrs in Ecuador nochmals dorthin zurückgekehrt bin. Montags und freitags nach der Schule durfte ich zu dem mein Tanzbein schwingen – mein Highlight der Woche, als ich gemeinsam mit den Schülern Salsa und andere lateinamerikanische Tänze in der Tanz-AG lernte – sehr zu der Belustigung der Schüler – ich glaube, wir Europäer haben den Rhythmus vielleicht doch nicht so im sehr im Blut wie die Ecuadorianer. Der Abschied fiel sehr schwer – wir hatten sogar eine kleine „fiesta“ mit Musik und Snacks und jeder Menge selbst gemachter Geschenke und Karten.

Nach dem letzten Schultag hieß es nicht nur Abschied nehmen von den Schülern und Lehrern, sondern schließlich auch von den anderen Freiwilligen. Wenn man einen Monat lang, so eng zusammen lebt und fast alles gemeinsam macht, tolle Dinge erlebt und so viel Spaß hat, dann ist es sehr seltsam auf einem wieder in ganz unterschiedliche Richtungen aufzubrechen. Aber ich bin mir sicher, dass einige entstandene Freundschaften noch länger halten werden. Ein bisschen froh, die Fundación verlassen zu können, war ich aber dann doch. Virginia und Carmen haben sich viel gekümmert und uns gut versorgt – keine Frage. So wechselhaft wie das Wetter in Quito war, schwankte aber auch die Stimmung der beiden des Öfteren. Daran gewöhnte man sich natürlich. Trotzdem ist es etwas lästig, wenn man bei fast jeder Mahlzeit irgendwelche unsachlichen Kommentare zu hören bekommt, weil man Vegetarier ist. Ich weiß, dass es in Ecuador einfach Teil der Kultur ist so viel Fleisch zu essen und die Menschen im Allgemeinen „Vegetariersein“ nicht nachvollziehen können, was für mich auch völlig in Ordnung ist; sich dann aber einen Spruch, wie ich ihn oben zitiert habe, an die Tür zu schreiben, der die Nachhaltigkeit thematisiert, ist dann doch etwas zynisch. Da hätte ich zumindest erwartet, dass ich als Vegetarier akzeptiert werde (ich erwarte natürlich nicht, dass alle anderen auch kein Fleisch essen!).

Alles in allem jedoch zählt das Workcamp zu einer der besten Erfahrungen in meinem Leben – gemeinsam mit meiner restlichen Zeit in Ecuador, die ich nie vergessen werde. Das hat mir sicherlich den Anstoß gegeben, in Zukunft weitere, größere Reisen zu machen und eventuell auch nochmal einen längeren Freiwilligendienst oder auch ein anderes Workcamp zumachen. Das sind einfach Erinnerungen an Erlebnisse, Orte und Menschen, Erfahrungen und Freundschaften, die einem keiner mehr nehmen kann und die einen nicht nur verändern, sondern auch neue Sichtweisen ermöglichen, die man so vielleicht nie hätte bekommen können.

 

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