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SOS-Kinderdorf in Armenien

„Armenien … wo liegt denn bitte Armenien?“ 
Das war wohl der Satz, den ich am meisten zu hören bekam, wenn ich ankündigte, in den Sommerferien nach Armenien fahren zu wollen. 

Diese Frage ist in der Tat nicht so einfach zu beantworten...

Name:Fee GerlachAlter:16 JahreEinsatzstelle:SOS-Kinderdorf, 2008Inhaltliche Ausrichtung:Kids

Denn schon bei der Klärung, auf welchem Kontinent Armenien liegt, muss man schwer nachdenken. Zwischen Türkei, Georgien, Aserbaidschan und Iran eingebettet, gehört Armenien geographisch eigentlich zu Asien. Aber wegen seiner zum Teil sehr westlichen Kultur wird Armenien manchmal auch zu Europa gezählt.

 

Armenien war ursprünglich ein sehr großes Land.

Aber nach vielen Kriegen und der Zeit in der Sowjetunion ist es heute nur noch ungefähr so groß wie Brandenburg mit etwa drei Millionen Einwohnern. 90 Prozent des Territoriums liegt oberhalb 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Der Ararat (der Berg, auf dem die Arche Noah nach der Sintflut gelandet sein soll) ist das Wahrzeichen Armeniens. Früher zu Armenien gehörig, liegt das Bergmassiv heute auf türkischem Staatsgebiet. Kulturell ist Armenien ein Land zwischen Ost und West. Als erstes christliches Land der Welt sticht es heraus zwischen muslimischen Ländern wie dem Iran und Aserbaidschan. Armenien ist durch Kriege und Naturkatastrophen ein sehr armes Land geworden.

Was machst du denn in Armenien?

Die zweite Frage, die mir häufig gestellt wurde, war: „Was machst du denn in Armenien?“ Ich hatte mich schon länger für Volunteering (Freiwilligendienst) interessiert. Vor allem die Arbeit mit Kindern reizte mich. Also informierte ich mich auf der Seite der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (www.ijgd.de) was denn mit meinen 17 Jahren möglich wäre. Und dort fand ich das Angebot, zusammen mit 14 Leuten aus allen möglichen Ländern einige Wochen in einem SOS-Kinderdorf in Armenien zu arbeiten. Nach kurzer Bedenkzeit beschloss ich, das Wagnis einzugehen. Dank der netten und effektiven Betreuung durch den ijgd (an dieser Stelle möchte ich Christa Knobloch für die nette Vor- und Nachbetreuung danken), war mein Platz in diesem Programm auch schnell gesichert.

Der von mir selbst finanzierte Flug war gebucht und so verbrachte ich die letzten Wochen in Aufregung, aber auch ein bisschen mit Angst. Ich fragte mich, ob ich vielleicht die Einzige in meinem Alter sein würde und ansonsten nur Menschen in mittlerem Alter am Programm teilnehmen würden. Diese Sorge war gänzlich unberechtigt, wie ich später merken sollte. Also packte ich am 24. Juni 2008 voller Aufregung und Vorfreude meinen Koffer. Am nächsten Tag sollte die Reise beginnen.

One Night in Moscow

Meine Mutter fuhr mit mir mit dem Zug zum Frankfurter Flughafen, begleitete mich noch zum Check-in und dann war Zeit zum Verabschieden. Schon in den Tagen vor meiner Abreise merkte ich, dass meine Mutter aufgeregter war als ich, was sich unter anderem durch immer wiederkehrende Kommentare „du brauchst unbedingt noch …“ oder „hast du daran gedacht?“ äußerte. Jetzt begann also meine erste große, eigenständige Reise. Bis zu diesem Punkt war noch alles in Ordnung. Geplant war, dass ich um 19 Uhr nach Prag mit Czech Airlines fliege, und von da aus weiter nach Yerewan (Hauptstadt von Armenien). Dort würde dann unser Teamleiter Vahe auf mich warten. Aber es sollte alles anders kommen…

Eine dreiviertel Stunde vor Abflug wurde uns mitgeteilt, dass der Flug nach Prag aufgrund eines starken Unwetters Verspätung hätte. Passagiere nach Yerewan wurden aufgefordert, sich zu melden. Ich meldete mich also und erfuhr, dass ich nach Moskau umgebucht und von dort aus nach Yerewan weiterreisen würde. Der Flug nach Moskau sollte um Mitternacht starten. Das störte mich eigentlich gar nicht, denn so hatte ich die Möglichkeit, das Spiel Türkei-Deutschland zu sehen. Das tat ich dann in einem McDonalds am Flughafen; umgeben von türkischen Flughafenarbeitern. Das war ein Erlebnis!

Um 0 Uhr befand ich mich wie geplant in meinem Flieger. Als ich dann in Russland via Transit meinen Flug nach Armenien nehmen wollte, wurde ich abrupt aus meiner Schläfrigkeit gerissen. Zum Glück begleitete mich eine deutsch-armenische Familie, so dass ich wenigsten im Groben erfuhr, was plötzlich nicht stimmte. Die auffällig unfreundliche russische Beamtin sagte nur die ganze Zeit, „no visa, no visa,“ worauf ich nur antwortete, „I don’ t need a visa, this is a transit flight.“ Die Familie klärte mich dann schließlich auf, dass Czech Airlines anscheinend nicht gemerkt hatte, dass der Flug nach Armenien nicht von diesem Flughafen startete, ich also ein russisches Visa brauchte, um weiterreisen zu können.

Die armenische Familie besaß ein Visum, musste daher ihren Flug nehmen und ich stand dann leider alleine da. Da saß ich also in dieser unterirdischen Halle, verwirrt, übermüdet und ohne jemanden an meiner Seite, der mich hätte unterstützen können. Etwa zehn russische Beamtinnen saßen gemütlich in ihrem Raum, lesend, rauchend, essend und Kaffee trinkend. Immer wenn ich in diesen Raum ging und sagte, „Please, let me call somebody, they are waiting for me in Yerewan,“ bekam ich nur auf unfreundliche Weise mitgeteilt, dass ich warten sollte, was hieß auf der Bank sitzen und Mund halten. „Wait, wait, wait“ war alles, was diese Frauen zu mir sagten in den fünf Stunden, die ich dort unten in diesem Halbbunker verbrachte. Sie würdigten mir ansonsten keines Blickes, ganz zu schweigen davon, dass sie mir einen Kaffee oder etwas zu Essen angeboten hätten.

Von Frankfurt nach Yerewan nach Frankfurt nach Yerewan

Anscheinend war es unmöglich, an einem internationalen Airport wie Moskau, jemanden mit Englisch-Kenntnissen zu finden. Um 10 Uhr morgens, mein Flug nach Yerewan war gerade gestartet, kam endlich ein Englisch sprechender Beamter, um sich meiner anzunehmen. Bis dahin wusste niemand Bescheid und auch die Menschen, die in Armenien auf mich warteten, hatten umsonst gewartet und keine Ahnung, was mit mir los war.

Die erste Station war das Konsulat, wo ich informiert wurde, dass es ja kein Problem gewesen wäre, sich einfach ein Visum vor Ort zu kaufen. Nun aber, da mein Flieger bereits weg war, müsste ich mir noch ein neues Ticket kaufen. Da ich natürlich nicht mit Tonnen von Bargeld reiste, war meine Chance, nach Armenien zu kommen, also ins Unmögliche gesunken.

Es war aber möglich, ohne Zusatzkosten zurück nach Frankfurt zu fliegen. Also buchten meine „Betreuer“ mir einen Flug und zwei Stunden später befand ich mich wieder auf dem Weg zurück nach Frankfurt. Meine Mutter erreichte ich telefonisch aus Russland leider nur so lang, dass ich sagen konnte „Hallo Mama, ich bin in Russland, ich komme nicht weiter, die schicken mich wahrscheinlich wieder nach Deutschland.“ Das war natürlich ein Albtraum für meine Mutter. Aber aus Frankfurt rief ich sie dann wieder an und sie hatte schon mit der Czech Airlines ausgemacht, dass ich umsonst einen neuen Flug nach Armenien via Prag bekommen würde.

Nach weiteren vier Stunden kam dann auch endlich mein Gepäck in Frankfurt an, so dass ich mich in einer ranzigen Flughafentoilette umziehen konnte. KLASSE! Um 19 Uhr saß ich dann letztendlich im Flieger nach Prag. Dort gab es dann wieder Verspätung. Um 6 Uhr morgens kam ich dann nach vier Flügen und 47 Stunden Schlafentzug völlig fertig in Yerewan an.

Das Leben im SOS-Kinderdorf

Das SOS-Kinderdorf liegt in der Region Kotayk, etwa eine halbe Stunde entfernt von Yerewan. Auf dem Gelände befinden sich ein großer Kindergarten, den auch die Kinder aus Kotayk besuchen dürfen, ein Fußball- und ein Basketballfeld, ein Büro und 13 Häuser, in denen die Mütter mit jeweils etwa acht Kindern leben.

Auch wir Volunteere lebten in einem dieser Häuser. Wir hatten vier Schlafzimmer, einen großen Gemeinschafts- und Essraum mit TV-Gerät, ein kleines und ein großes Bad, eine Küche, einen Speiseraum mit Waschmaschine und eine schöne Terrasse.

Ich gehörte zu den Letzten, die zur Gruppe stießen. Die anderen Teilnehmer waren zwischen 16 und 31 und kamen aus acht Ländern: Armenien, Georgien, Italien, Frankreich, Kanada, Schweden, Dänemark, England. Ich war die einzige Deutsche und somit waren die neun Nationen komplett. Alle machten einen recht freundlichen Eindruck und besonders mit der Dänin Naja verstand ich mich von Anfang an sehr gut. An meinem zweiten Tag in Armenien, es war ein Samstag, fuhren wir mit dem Bus los, um die unterschiedlichsten Orte zu besuchen. Es war „Water-Day,“ ein Feiertag, der aus der heidnischen Zeit Armeniens stammt. An diesem Tag „wäscht“ man sich gegenseitig rein, indem man mit Töpfen, Flaschen und anderen Behältern, Leute mit Wasser übergießt. Also quasi eine 24-stündige Wasserschlacht. Somit wurden die Besuche bei diversen Tempeln und Kirchen zu feuchtfröhlichen Angelegenheiten. Das abschließende typisch armenische Barbecue brachte uns das erste Mal in Kontakt mit der armenischen Bevölkerung. Zurück im SOS-Kinderdorf begann eine weitere zweistündige Wasserschlacht, aus der zwar kein Sieger, dafür aber viele klitschnasse Kinder und Volontäre hervorgingen. Die folgenden Wochenenden bestanden dann aus Ausflügen zu Museen, der ersten Kirche der Welt und dem berühmten Lake Savan.

Am Montag lernten wir Artak kennen, den Mann, der uns bei unserer Arbeit an den Häusern betreute. Häuser streichen war unsere Aufgabe und am Ende der drei Wochen hatten wir sechs Häusern einen neuen Anstrich verpasst. Rachel (UK) und ich strichen immer gemeinsam die Fensterläden und Decken. In Erinnerung bleiben wird mir nicht nur die hartnäckige Farbe auf Haut und Haaren, sondern auch oder vor allem Artak, der anstatt Russisch zu sprechen (was die meisten von den anderen verstanden), lieber seine brüchigen Deutschkenntnisse anwandte, um uns Aufträge zu erteilen. Wir arbeiteten jeden Tag von neun bis dreizehn Uhr. Danach waren wir erschöpft von der Arbeit in der prallen Sonne. Da Armenien sehr hoch liegt, wirkt die Sonne viel intensiver. Die Mittagspause wurde mit den jeweiligen Diensten (Koch- oder Putzdienste), Schlafen oder Faulenzen verbracht. Um 16 Uhr begann die Zeit, in der wir mit den Kindern spielten. Fußball, Volleyball, Face-Painting oder einfach nur Unsinn machen. Es gab viele Möglichkeiten, gemeinsam Spaß zu haben - trotz der Sprachbarrieren. Einmal saß ich 1 ½  Stunden lesend im Gras, während zwei Mädchen daran Spaß hatten, meine Haare zu den verrücktesten Frisuren zu binden. 

Unsere Abende verbrachten wir mit Spielen, Lesen, Reden, Singen und einer Flasche armenischem Rotwein. So wuchsen wir schnell zu einer Gruppe zusammen, was aber natürlich durch die räumliche Enge nach zwei Wochen langsam zu kleinen Reibereien führte. Drei Wochen ohne Freiraum mit 13 sehr unterschiedlichen, aber sehr starken Charakteren zusammen zu leben ist eben nicht nur spannend und lustig, sondern auch anstrengend. Aber gerade das brachte mich dazu, auch viel über mich selber und mein Verhalten zu lernen. Man lernte, sich selber und die eigene Meinung zum Wohle der Gruppe auch einmal zurückzustellen.

Abschied

Den krönenden Abschluss des Aufenthaltes bildete unsere internationale Performance mit kleinen Sketchen, die wir mit den Kindern einstudiert hatten. Als Dankeschön für unsere Arbeit überreichte uns der Leiter des SOS Kinderdorfs Urkunden und lud uns zum Abendessen ein. Diesen Abend lernten wir die armenische Art zu feiern kennen, die vor allem aus viel Essen und viel Tanzen besteht. Vom Restaurant wurde ich direkt zum Flughafen gefahren. Der Abschied gestaltete sich wie erwartet traurig und tränenreich und gerade den Kindern „Good- Bye“ zu sagen, fiel sehr schwer. In Frankfurt erfuhr ich, dass mein Koffer nicht mit im Flieger war und vermutlich noch in Prag herumlag. Mein Pech mit Flügen verfolgte mich also weiter…

Ohne Koffer, aber voll wunderschöner neuer Erfahrungen und Erinnerungen kam ich am 16. Juli wieder im heimischen Bad Zwesten an.

Tipps für Workcampinteressierte:

Was in den Koffer gehört:

  • Macht euch Gedanken!
    Überlegt am besten schon einige Zeit vorher, was ihr mit  zu eurem Camp nehmen könnten. Denkt dabei an die Kinder aber auch an die anderen Volontäre.
  • Bei den Kindern kann man nicht viel falsch machen. Also lasst eurer Kreativität freien Lauf. Kullis, Luftballons, Seifenblasen, Kinderschminke usw.
  • Für die Volontäre bringt Spiele oder andere Dinge mit, die unterhaltsam und unkompliziert sind. Vielleicht habt ihr ja sogar noch Platz im Koffer und könnt ein typisch deutsches Getränk oder Gericht mitnehmen.
  • Und jetzt zu euch selber:
    Wenn ihr wisst das Arbeiten wie Gartenarbeit, streichen etc. auf euch zukommen, dann denkt daran, alte Klamotten mitzunehmen die ihr dreckig machen könnt. (Es sei denn ihr wollt wie ich eure Sporthose ruinierenJ ;) )

 

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