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Mein griechischer Sommer

Die jungen Freiwilligen zu sehen und ihre Stärken zu bemerken. Dies ihnen mitzuteilen, wenn es passte, und meine Freude darüber zu ihrer Freude zu machen.

Name:Monika S. aus DeutschlandAlter:66 JahreEinsatzstelle:SchuleInhaltliche Ausrichtung:Arbeit mit Kindern

Mein griechischer Sommer

„Kalimera, Janni, kalimera Laura, kalimera Marilena, kalimera Monika“ – unser Morgenkreis im Hof der Schule „ Elephteriou Kordeliou“ in Thessaloniki beginnt mit der Begrüßung aller Teilnehmer. Die  23 behinderten Kinder und Jugendlichen sind soeben von uns 12 Freiwilligen in Empfang genommen worden. Vier Wochen lang werden sie jeden Vormittag  mit zwei Kleinbussen gebracht und um 1 Uhr wieder abgeholt. Unser Freiwilligenteam kümmert sich 2 Wochen lang um sie, dann werden wir vom nächsten Team abgelöst.

Warum nehme ich als Ältere mit Jugendlichen teil ?

Warum habe ich mich zum Workcamp „elix 03: This summer is ours“ in Thessaloniki angemeldet? Obwohl ich als Seniorin, Ex-Lehrerin, gar nicht zur Zielgruppe der Freiwilligen gehöre?  Ich erzähle es euch. Seit ein paar Jahren  tanze ich mit verschiedenen Gruppen die traditionellen griechischen Kreistänze und bin jedes Jahr zu einem Seminar auf die Insel Thassos gefahren. Irgendwann habe ich angefangen, Griechisch zu lernen. Dieses Jahr  nun wollte ich nicht zum Tanzen fahren, aber nach Griechenland. Da kam mir ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung gerade recht, der von einem Projekt zur Parkpflege im klassischen Olympia berichtete. Ich klickte die dort genannte griechische Internetadresse ELIX an, erfuhr von weiteren Projekten, nämlich den Ferien mit geistig behinderten oder sozial benachteiligten Kindern, meldete mich sofort über den ijgd an – und wurde genommen.

Die Anreise...

Nach mehreren Irrfahrten bei mehr als 30 Grad Hitze Ende Juni war ich froh, endlich die Adresse der Schule gefunden zu haben. Trotz einem  riesigen Stadtplan. Denn Thessaloniki steckt voller Tücke: alle Straßen scheint es zweimal zu geben, und auf den Bussen steht immer nur eine Endhaltestelle, auch wenn er gerade in die Gegenrichtung fährt.
Ich durchquere also den Schulhof, stapfe in den 1.Stock und werde gleich mit den griechischen Betreuern und einigen Freiwilligen bekannt gemacht. Sie schleppen gerade Matten aus der Turnhalle in 3 Klassenzimmer – unsere Betten. Meine Nachbarin im Schlafgemach stellt sich als Südkoreanerin heraus, die ein Erasmus-Semester in Verona macht und auch noch dieses Workcamp in Griechenland dranhängt. Was haben wir zusammen gelacht!

Die Zusammenkunft...

Nach und nach trudeln alle Volunteers ein: 2 Schüler aus Rom, 3 spanische Studentinnen, ein Russe, Senior wie ich, ein junger Medienfachmann aus Aserbeidschan…zusammen  aus 9 verschiedenen Ländern. Ich bin die einzige Deutsche. Und keiner spricht Griechisch. Auch ich nicht wirklich. Macht nichts.
Untereinander geht es gut mit Englisch, und für den Umgang mit den Kindern drücken uns die griechischen Pädagogen ein Blatt mit den wichtigsten Verben in die Hand. Sie haben für jeden Tag ein Kreativprogramm zusammengestellt und die Materialien dafür besorgt. Die meisten von ihnen, junge Leute Mitte 20, sind arbeitslos, durch das Workcamp, das von einer griechischen Ölgesellschaft gesponsort wird ( ob die eigentlich Steuern zahlt ? ) erhalten sie wenigstens einen Minimallohn.

Der erste Abend ist zum Kennenlernen gedacht, der nächste Tag, ein Sonntag, ist Strand- und Badetag, und am Montag beginnt unser Dienst.

Unsere Arbeit....

Jeden Tag beschäftigen wir uns mit einem anderen Kind oder Jugendlichen. So lernen wir sie alle kennen : die Mädchen mit Down-Syndrom Marilena und Zoi, die autistischen Jungen Dimitris, Jannis, Orfeas. Und alle anderen. Die griechischen Pädagogen helfen uns dabei, unsere anfängliche Scheu abzulegen und gut mit den Eigenarten unserer Schützlinge umzugehen. Die Kinder  haben Freude mit uns und wir mit ihnen, und bald haben wir sie in unser Herz geschlossen.

Die Hausordnung...

Richtig Arbeit bedeutet das „home-team“. Jeden Tag sind zwei von uns an der Reihe, für die ganze Gruppe Frühstück zu bereiten, zu kochen, den Tisch zu decken, abzuspülen und alle  Räume in unserer „Wohnung“ im 1.Stock der Schule zu fegen und zu wischen. Auch die Duschen und die Hockklos. Der Einkauf wird nach unseren Wünschen erledigt, es gibt Heimatliches, Empanadas, Spaghetti mit besonderer römischer Soße, russischen Gurkensalat.

Cooking Crew...

Ich habe mir Kartoffelsalat mit gebratenem Fisch überlegt und koche zusammen mit Somin, der Koreanerin. Während der Fisch brät und uns der Schweiß in der Küche nur so von der Stirn tropft, kommt Ludwig ( er heißt wirklich so ), der Franzose aus einem Pariser Banlieu, in die Küche geschlendert und bringt Stimmung mit. Auf einmal schmettern wir das Chanson „Oh, Champs Elyseés“ , tanzen durch die Küche und balancieren dabei gebratene Fische aus der Pfanne und panierte hinein. Nach dem Essen und dem Abwasch sind wir Hometeamerinnen fix und fertig und halten erstmal ein Mittagsschläfchen. Zum Glück reichen Kartoffelsalat und Reste der Empanadas vom Vortag für das Abendessen und wir Volunteers können bald mit dem Bus ins „Citycenter“ von Thessaloniki fahren.

Thessaloniki...

Was für eine schöne Stadt! Wie ein Halbmond liegt sie am Meer. Und was für ein Leben auf Straßen und Plätzen! Niemand scheint zu Hause zu sitzen. Die Straßencafe´s sind voll besetzt; auf Bänken, Mäuerchen am Straßenrand,  auf kleinen Rasenflächen, überall sitzen und stehen junge und ältere Leute, einfach so oder mit einem Frappe´ oder einer Flasche Bier in der Hand.

Politikbezug...

Es sind noch zwei Tage bis zum Referendum über die  von den Geldgebern des fast bankrotten Griechenland oktroyierte Sparpolitik. Jedoch von der aufgeheizten Stimmung in Athen ist hier wenig zu merken. NAI oder OCHI, Ja oder Nein sollen die Griechen dazu sagen. Poster mit einem griesgrämig dreinschauenden Finanzminister Schäuble und ein eilig darauf gepinseltes OCHI rufen zum Protest auf. Unsere Griechen neigen eher zum NEIN, einige werden am Sonntag in ihren Heimatort fahren, eigens für die Abstimmung. Die Lage erscheint mir aussichtslos, Sackgasse.
Gern spreche ich mit Despoina, der Leiterin des Workcamps. Sie ist studierte Biologin und arbeitslos wie die Hälfte ihrer Altersgenossen, sie schreibt Artikel für Webseiten über Behinderungen und Autismus und hat sogar mit einem Artikel zur Nutzung sozialer Medien Jugendlicher zum Thema Europa einen Wettbewerb und damit eine Einladung nach Brüssel gewonnen. Jedoch ohne die Unterstützung ihrer Eltern im Dorf könnte sie nicht leben. Sie klagt über die schlechten Arbeitsbedingungen ihrer wenigen Freunde, die einen Job ergattert haben, und über die Medien, die nicht informieren, sondern nur hetzen. Ich habe den Eindruck, dass interessierte Deutsche über die Situation in Griechenland und ihre komplexen Hintergründe mehr wissen als die Griechen selbst.

Free-time...

Aber Politik ist kein Thema in der Gruppe. An den kinderfreien Wochenenden und an manchen Abenden organisieren die Griechen die Freizeit für uns, Strand und baden, Stadtbummel. An den Nachmittagen liegen meine Mitvolunteers auf Matten in der Turnhalle im Keller, dem kühlsten Ort;  quatschen, hören Musik oder schlafen.

Die Abschieds- Überaschung...

Das Finale unseres Aufenthalts naht. In drei Gruppen sollen wir mit unseren Kindern zu Musik einen kleinen Film drehen. Ein Thema suchen, die Musik dazu, Kostüme und Dekoration; Kameras sind vorhanden. Es klappt tatsächlich, mehr oder weniger. Große Einladung an ein paar Offizielle und besonders an die Eltern unserer Kinder, am Freitag, unserem letzten Tag, mit uns Abschied zu feiern. Die Filme werden bejubelt, es gibt Fingerfood und Getränke, die Kinder erhalten eine Wundertüte vom Sponsor und können ihre gebastelten Gegenstände mit in die Tüte packen. Herzlicher Abschied.

Das Interview...


Das wars? Nein. Despoina hat vier Freiwillige um ein Interview über ihre Erfahrungen gebeten und diese der Organisation Elix und anderen Medien zur Verfügung gestellt. Auch ich durfte sie lesen ( sehr mühsam, auf Griechisch ) und war berührt.

Und was war mein Part als ältere Freiwillige?...

Zu lernen, mit geistig Behinderten statt mit Gymnasiasten umzugehen, keine Berührungsangst zu haben. Mit jungen Leuten 2 Wochen bei gemeinsamer Tätigkeit zu verbringen und dabei den Altersunterschied zu vergessen ( außer Disco bis morgens um 5 Uhr habe ich alles mitgemacht ). Die jungen Freiwilligen zu sehen und ihre Stärken zu bemerken. Dies ihnen mitzuteilen, wenn es passte, und meine Freude darüber zu ihrer Freude zu machen.

 

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.