Zum Inhalt springen

Senior-Workcamp - Rovigo 50+

„Workcamp“ – Freunden und Arbeitskollegen zu vermitteln, dass frau freiwillig und im Urlaub in ein „Arbeitslager“ fährt, war schon eine Herausforderung für sich.

Name:Ruth W.Alter:50Einsatzstelle:Senior-Workcamp - Rovigo 50+Inhaltliche Ausrichtung:Senior-Camp

Wir trafen uns am Bahnhof

Erwartung und Vorfreude auf den Gesichtern der Ankommenden und des Begrüßungskommites. Alle sind pünktlich – also gute Vorzeichen. Die Anreise war für viele anstrengend, was durch die köstliche Pasta von Mama Lucia mehr als entschädigt wurde. Klar ist, dass beim Tischdecken, aufräumen und saubermachen mitgeholfen wird. Wir essen in einem Zimmer mit langem Esstisch, das über dem Seniorentreff liegt, indem Mama Lucia die gute Seele hinter der Theke ist. Am nächsten Tag nehmen wir an einer Pressekonferenz teil. Unser Projekt und die Vernetzung mit anderen Hilfsorganisationen aus der Umgebung von Rovigo wird vorgestellt und über die lokale Zeitung und den TV Sender publiziert. Schade war, dass es keinen Übersetzer gab und wir dadurch den Ausführungen nur bedingt folgen konnten. Am Nachmittag dann die erste Erkundung der Stadt mit dem Fahrrad. Klasse Sache, bei strahlendem Sonnenschein. Die Drahtesel sind so niedrig, dass man problemlos an jeder Ecke auf dem Sattel sitzend zu einem Plausch anhalten kann. Nicht besonders kniefreundlich, aber sehr kommunikativ. So lernen wir unsere Umgebung kennen, ohne Tourismustouch Italien eben ganz im normalen Leben einer 60tausend Einwohnerstadt zwischen im Land von Wein und Pasta. Dazu gehört auch, dass wir immer noch nichts über das Programm gehört haben. Es stört die deutsche Seele, wenn sie keinen Überblick hat. Aber vielleicht ist dies auch ein Lernziel und die Option für einen tieferen Einblick in die südländische Mentalität.

Am nächsten Tag,

nach dem obligatorischen Frühstück mit einem Kaffee (uno cafe longo grande per favore) und einem Broiche, geht es ans „arbeiten“. Wir unterstützen ortsansässige freiwillige Helfer, die gemäß individueller Einkaufslisten für Senioren Besorgungen erledigen. Voller Eifer studieren wir die Wünsche und lernen so ganz nebenbei die ersten italienischen Wörter. Später helfen einige von uns die vollen Tüten an die Senioren auszuliefern. Die Helfer tragen spezielle Westen, die sie als solche innerhalb des Supermarkts ausweisen. Es gibt sogar ein eigenes kleines Büro, das die Wünsche telefonisch entgegennimmt. Am Nachmittag dann die nächste Aktion. Wir werden mit Handschuhen und Plastiktüten ausgestattet. Aufgabe ist es, die kleine Parkanlage rund um Hauptplatz von Rovigo von Müll und Kippen zu befreien. Wer einmal Tütenweise Kippen gesammelt hat, entwickelt plötzlich eine ganz andere Sensibilität zu diesem Thema. Ich frage mich, ob in Deutschland wohl auch die meisten Kippen direkt neben dem Abfalleimer liegen und was man dagegen tun könnte. Die kleine Grünfläche ist voll von Menschen, wir werden beäugt und einige getrauen sich zu fragen, wer wir sind und warum wir nur wenig italienisch können. Unser CampLeader hatte als Übersetzer alle Hände voll zu tun.

Zum Ausgleich

besichtigten wir am nächsten Tag ein Museum aus der Etrusker und Römerzeit. Erholung gab es dann beim Strandbesuch. Ein herzliches Dankeschön an unsere Fahrer, die uns nicht nur sicher (und super pünktlich) an alle Veranstaltungsorte gebracht haben, sondern auch noch kühles Wasser und auch so manchen Schoppen im Gepäck hatten. Das Highlight war am Abend der Besuch eines Heimatfestes. Das ganze Dorf war auf den Beinen und tanzte ausgelassen (und nebenbei bemerkt sehr professionell) alle Standardtänze. Der Markplatz war mit Stühlen eingerahmt und eine Liveband versprühte gute Laune. Als totale Überraschung meinerseits beigeisterten Damen und Herren mit gekonntem „line dance“. Vermutlich wurde den ganzen Winter über geübt, um im Sommer dann leitfüßig aufzutreten. Am Sonntag dann Kultur pur bei einem Ausflug nach Bologna. Live an historischer Stätte zu stehen und den Entstehungsort der Bildungsreform zu Master und Bachelorbezeichnungen für die Studienabschlüsse zu besichtigen war schon ein Erlebnis. Jetzt kann ich nachvollziehen, warum Italiener in der Bahnhofshalle alle in eine Richtung schauen – und zwar auf die Anzeige der Zugverbindungen. Auch wir waren von Zugausfall und Verspätung betroffen und kamen erst sehr spät zu unserer ersten Pizza.

Montags dann der nächste Arbeitsauftrag

Laub rechen in einem Park des lokalen Altersheims. Auch hier spontane Gespräche mit den Senioren. 10 volle Säcke waren nach diesem Vormittag unsere stolze Bilanz. Tags drauf dann unsere Teilnahme an einem Infostand von Legambiente und der Hilfsorganisation Auser. Wir verteilten Infomaterial für deren Projekte als auch anderer Kooperationspartner. Dazu trugen wir gelbe TShirts mit dem Logo der Organisation und dem Hinweis „Voluntario“. Hier habe ich meine mangelnden Sprachkenntnisse doch als hinderlich empfunden. Nichts desto trotz marschierten wir in Gruppen als „Promotionteam“ durch die Stadt und verteilten die Flyer. Spontan lud uns dann unser Fahrer, der uns zu den einzelnen Einsatzorten brachte, zu sich nach Hause ein. So stelle ich mir die italienische Großfamilie voll – am Tisch viele Menschen und auf dem Tisch bestes Essen und süffiger Wein. Das Resultat ist eine gute Stimmung und ein gelungener Abend. Am Mittwoch ging es wieder in einen Park zum Sammeln von Ästen, Laub und Abfall. Jetzt waren wir schon routiniert mit unseren Reisigbesen und Rechen. Ein gutes Gefühl körperlich hart zu arbeiten und am Ende das Ergebnis in einem riesigen Haufen von Baumabfällen zu sehen. Der totale Gegensatz zum Alltäglichen zu Hause und damit trotz Arbeitens ein Erholeffekt. Die Zusammenarbeit in der Gruppe hat viel Spaß gemacht und es wurde gesungen und viel gelacht. Zum Ausgleich ging es dann auf den Spuren von Romeo und Julia nach Verona. Das aktuelle Kultgetränk „Spritz“ (Weißwein mit Wasser oder Prosseco, aufgefüllt mir Aperol und Eiswürfeln – allein die Farbe macht schon gute Laune) schaffte uns dabei eine erfrischende Verschnaufpause. Am Abend gab es noch einen Termin in einem Übergangsheim für Arbeitssuchende. Beeindruckend mit welchem Engagement sich um die Bedürfnisse der dortigen Gäste gekümmert wird. Wir hörten individuelle Geschichten, die berührt haben.

Bewaffnet mit unseren Besen

wurde dann am nächsten Tag die Umgebung des runden Doms gereinigt. Anschließend ging es zu einem Besuch in dem Altersheim, dass wir schon vom Vortag kannten. Die Heimleitung stellte uns das Haus und das dahinter stehende Konzept vor. Die Versorgung von Senioren und Pflegebedürftigen wird in ganz Europa eine der Herausforderung der Zukunft sein. Bei unseren abendlichen Runden gab es immer viel Zeit sich über das Erlebte auszutauschen und zu hören wie die Situationen in den anderen Ländern aussehen. Themen waren Umweltbewusstsein, Bildungssystem, die allgemeine politische Lage und vieles mehr. Tag 8: Wieder Shoppingtour für die Senioren. Am Nachmittag dann eine längere Radtour durch die Umgebung mit Besuch eines Heimatmuseums. Auch hier unwahrscheinlich nette Menschen, die mit Stolz und Enthusiasmus uns Ihre Geschichte näher bringen wollten. Da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, gab zum „Lieben lernen“ der beteiligten Länder ein duales Kochevent. Ich lud zum Sauerkrautsalat mit Weizenbier, Guy aus Frankreich zu Linsen aus seiner Region und Bratwürsten. Zum Nachtisch verwöhnte er uns mit einem Kuchen mit viel WeinJ. Schon waren es nur noch 2 Tage… .am Vormittag beteiligten wir uns nochmals an einem Infostand, der direkt vor dem Wochenmarkt aufgebaut war. Eine prima Gelegenheit sich um die Souvenirs für die Daheimgebliebenen zu kümmern. Erstmals konnten wir dann die Idee der „living libary“ live erleben. Im Park wurde Stuhlgruppen aufgestellt und man konnte mit Einheimischen und „Fremden“ ins Gespräch kommen, um deren Geschichte zu hören. Wer nicht erzählen wollte und wie ich nicht verstehen konnte, gab es Angebote gemeinsam z.B. Federball oder Fußball zu spielen. Beeindruckend wie Sport immer wieder und so einfach die Sprachbarrieren überbrücken hilft.

Mein letzter Tag und ein Ausflug nach Padua

wieder Kultur und italienischer Stil der einen Staunen lässt. Wer in ein Workcamp fährt, muss sich darüber im Klaren sein, dass es kein Relax, Wellness oder Fitnessaufenthalt ist. Luxus wird ersetzt und Erfahrungen, die unbezahlbar sind. Anstelle gibt es neue Eindrücke zu Land und Leuten vor Ort und intensive Kontakte zu den Gruppenmitgliedern. Also eine echte Alternative zum klassischen Urlaub. In Summe eine sehr gute Erfahrung und sicherlich nicht mein letztes Workcamp.

 

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.