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Mein Workcamp in 3 Worten: turbulent, einmalig und (unglaublich) vielseitig.

Name:Christoph S.Alter:24Einsatzstelle:Radio Onda d'urtoInhaltliche Ausrichtung:Festival

Es ist Mittagshitze und ich sitze im Zug von Mailand nach Brescia (Italien), einem kleinen Ort, in dem mein nun drittes Workcamp stattfinden soll. Da ich mich gerne auf komplett Neues einlasse, habe ich die Beschreibung überflogen und nur das Nötigste eingepackt - das einzige was ich weiß: die Arbeit soll angeblich hart sein, es sind 14 andere Freiwillige da und Einsatzort ist ein gemeinnütziges Festival. Soweit so gut, der alte Zug rattert und fährt im Bahnhof ein - Endstation. Mit meinem Rucksack und meiner Isomatte gehe ich zu Fuß Richtung Magazzino 47, einem autonomen Zentrum in dem wir untergebracht werden sollen. Auf dem Weg - Bilder im Kopf und Erwartungen erfassen mich mal wieder, wie vor jedem Camp, meistens kommt es ja dann doch alles anders. Ich stehe vor dem Stahltor des Magazzino 47, hier sind wir also. Das Tor steht halb offen, ich trete ein, und sehe: ich bin der Letzte. 13 Augen starren mich an, offensichtlich einer der Teamleader, ein Italiener (Mattia) erblickt mich, kommt auf mich zu und sagt: "Eeeeyyy, so you are the last one, welcome!!! Wait, i show you around!!" Die Unterbringung ist sehr spartanisch, es gibt eine einzige Dusche und ausschließlich Plumpsklos.

Trotz seiner Freundlichkeit denke ich mir etwas müde innerlich "hier bleibst du keine 2 Tage". Ich stelle mich zuerst den anderen Freiwilligen vor, mein Gefühl sagt mir aber irgendwie, dass wir alle zu verschieden sind - gefühlt 10 unterschiedliche Kulturen und Charaktere auf engem Raum? Wie soll da eine Gemeinschaft draus werden? Nach der kleinen Privatführung setzen wir uns in einen Kreis, stellen uns vor und spielen Kennenlernspiele. Namen kann ich mir noch keine merken. Die Stimmung ist eher still, keiner möchte sich in den Vordergrund drängen. Doch langsam merke ich wie es auftaut, jeder hat irgendwo seine interessanten Seiten, es stellen sich Gemeinsamkeiten raus, man fängt an zusammen zu lachen. Und ganz langsam entsteht ein Gemeinschaftsgefühl - ich fange an den Ort und das Team zu mögen.

Die ersten Arbeitstage gehen los, das Festival auf dem nur Freiwillige arbeiten und dessen Gewinn der Arbeit eines alternativ politischen Radios zugutekommt ist ca. 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Wir werden von Cipolli abgeholt, einem auf den ersten Blick etwas mürrisch wirkenden aber trotzdem sympathischen und authentischen Italiener, der das Festival seit Ewigkeiten freiwillig begleitet - er ist so überzeugt davon, dass er das Logo des Festivals (eine schwarze Katze) auf dem Hinterkopf einrasiert trägt. Wir arbeiten in Kleingruppen zusammen in einer mobilen Pizzeria und einer vegetarischen Küche. Der erste Arbeitstag ist der Moment wo ich mir innerlich sage: zum Glück bist du hier geblieben. Die Italiener sind feierlustige Menschen, während der Arbeit (Pizzateig kneten, Gemüse schneiden, Essen rausgeben) wird laut Musik gehört und getanzt - sowas habe ich in Deutschland noch nirgendwo auf einer "Arbeitsstelle" erlebt. Sprachliche Barrieren stellen kein Problem dar, da Hände und Füße zur Kommunikation ausreichen. Es wird oben ohne zu italienischem Reggae am Herd getanzt, während Silvie (die energische italienische Küchenchefin, die man mit dem scherzhaft provokanten Zeigen der klischeehaften italienischen Handgeste völlig aus der Ruhe bringt) durch die ganze Küche brüllt, dass langsam die Gäste eintrudeln und die Pasta fehlt, Pasta kommt - Reggae bleibt. Auch in unseren Kleingruppen verstehen wir uns immer besser, lachen zusammen, unterhalten uns während dem Kartoffelschälen über unsere eigenen Kulturen, unsere Wünsche, Hoffnungen und Lebenspläne und machen Geschäfte mit dem Getränkestand gegenüber (Getränke gegen Pommes).

Die Zeit verfliegt wie in keinem anderem Camp je zuvor - Ich wundere mich, wie ich in so kurzer Zeit Freundschaften schließe mit Menschen, die mir Tage zuvor noch vollkommen unbekannt waren und denen ich zunächst skeptisch gegenüber eingestellt war.

Abends nach der Arbeit zeigt uns Ayano aus Japan, wie man Origami faltet. Mittags nach dem Essen, (welches Teamleader und Top-Koch Mattia aus Italien mit uns zaubert) erzählt uns Sebastian aus Kanada, wieso man in Quebec französisch spricht und Rafa aus Frankreich wieso er dieses Workcamp mittlerweile schon zum dritten Mal besucht - es ist die Stimmung auf dem Festival und das Temperament der Italiener, wonach er in Frankreich lange suchen müsse. Die tägliche Arbeit stellt auch immer mehr eine Verbindung mit den Freiwilligen auf dem Festival her, überwiegend lokale Italiener, keine Englischprofis aber Meister der Zeichensprache (und des italienischen "Zorns" wenn man mal eine Pizza zu schnell in den Holzofen schiebt). Ich unterhalte mich mit Tommy aus Brescia beim Kartoffelschälen, er ist 56, kommt seit 15 Jahren jedes Jahr. Ihm macht die Gemeinschaft hier Spaß, kurz nachdem er das sagt ertönt im Hintergrund Salsamusik - er legt sein Messer auf der Stelle ab und fordert unsere Teamleaderin Jeliza aus der Slovakei zum Tänzchen auf - zwischen Geschirr und Öfen, vor den wartenden und schmunzelnden Gästen an der Theke, wird nun erstmal ein Ründchen getanzt. Mir sagt er danach, er würde gerne mal nach Deutschland kommen, ich lade ihn ein, er freut sich und nimmt das Angebot an, er würde mir und meiner Familie dann mal zeigen wie man richtig kocht.
So vergehen 2 Wochen wie im Flug. 15 Freiwillige, die in einem großen Gemeinschaftsraum auf Luftmatratzen schlafen, 2 mal in der Nacht Moskitospray auftragen, sich um das warme Wasser einer einzigen Dusche zoffen und eigentlich unterschiedlicher nicht hätten sein können, erleben eine prägende Zeit durch turbulente Tage und Nächte und bilden eine zusammenhaltende Gemeinschaft.

Das Workcamp war insgesamt eines der besten, die ich besucht habe (wenn nicht das beste). Vielleicht mache ich es Rafa gleich und komme nächstes Jahr wieder, diesmal aber hoffentlich mit ein paar Brocken Gastronomie-Italienisch.

 

 

Danke danke danke. Over and out.

 

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