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Dieses Workcamp hat mir die Angst genommen, in ein mir komplett fremdes Land zu gehen und mit einer Portion Neugier und Abenteuerlust neue Menschen kennenzulernen.

Name:Boning W.Alter:21Einsatzstelle:MosorinInhaltliche Ausrichtung:Renovation

Serbien war ein Land, zu dem ich nie einen besonderen Bezug hatte. Bis ich von der Künstlerin Marina Abramović gehört habe, die in der Hauptstadt Belgrad geboren wurde. Durch ihre Biographie habe ich erste Eindrücke von Serbien und dessen Geschichte erhalten. Doch die Wahl meines Workcamps in einem kleinen serbischen Dorf habe ich nicht ausschließlich wegen ihr gefällt. Es lag an der Beschreibung des Workcamps: Alchemy of the mud.

Anreise

Fangen wir von vorne an: Meine Reise begann stressig. Es fing damit an, dass der Bus Severbus mit der Reisegesellschaft Touring (eurolines) nicht planmäßig gekommen ist. Also bin ich nach großem Heckmeck und vielen Telefonaten einen Tag später in einen klapprigen Bus eingestiegen, ohne WIFI, ohne funktionierende Toilette, dafür übervoll und mit Passagieren, die sich gefragt hatten, wieso eine asiatisch aussehende Deutsche bloß nach Serbien ging. Sarkastischerweise wurde der Zustand des Busses von meiner serbischen Sitznachbarin so erklärt, dass „Serbien sich nichts Besseres leisten kann“. Macht euch außerdem auf sehr lange Wartezeiten an der Grenze Ungarn zu Serbien gefasst, und gegebenenfalls sammeln die Passagiere Geld für ein „schnelleres Passieren“ der serbischen Grenze ein.

Unterkunft & Verpflegung

Endlich angekommen wurde ich von meiner Campleiterin und –organisatorin an der Bushaltestelle abgeholt und zu unserem „Camp“ geführt, wo ich das bereits aufgebaute Zelt gleich beziehen durfte. Währenddessen haben sich die beiden die Dusche vorgenommen, die sich selbst nach der gründlichen Putzaktion immer noch nicht sauber angefühlt hat. Sie wurde einfach mehrere Jahre von einer kompletten Männerfußballmannschaft genutzt, aber nie wirklich geputzt. Unsere Zelte wurden auf dem Grundstück dieser genannten Fußballmannschaft aufgestellt, heißt an den Wochenenden war spätabends noch viel Betrieb und wir mussten uns die Umkleideräume mit ihnen teilen. Wir lagerten unsere Wertsachen in einem Raum, der nur uns durch einen Schlüssel zugänglich war.

Das Frühstück und Abendessen haben wir selber zubereitet. Meistens gab es Brot und andere Kleinigkeiten. Zum Mittagessen hat uns eine Dorfmitbewohnerin vegetarische Gerichte gekocht, da die Hälfte der Teilnehmer Vegetarier waren. Das Essen war super lecker und abwechslungsreich, und wir haben uns durch das Abholen der Gerichte mit der Köchin angefreundet, die unbedingt ihr Englisch verbessern wollte. Sehr herzlich! Viele Lebensmittel haben wir lokal bei den Dorfbewohnern gekauft (Brot, Gemüse, Milchprodukte). Das gab einen Einblick in das Dorfleben, was ich als Stadtkind noch nie erlebt habe.

Arbeit

Alchemy of the mud: für mich als Chemieingenieursstudentin und besonderem Interesse an Architektur hat gleich der Name des Camps Neugier geweckt. Hierbei sollten wir unsere Hände buchstäblich in Schlamm stecken und daraus alles Mögliche erschaffen. Im Laufe der zwei Wochen durften wir an das Haus der Gatgeberin, der Lehmarchitektin Dragana Kojičić, werkeln. Der erste Teil der Arbeit bestand darin, das Material anzurühren (Erde, Wasser und Stroh) und unter das Reeddach zu pflastern. Anfangs war das herausfordernd, weil das Dach in Schieflage ist, aber nach einiger Zeit hat man herausgefunden, wie viel Material und mit welcher Technik man arbeiten sollte, damit das Material nicht gleich wieder herunterfällt. Dazu haben wir Tests durchgeführt, um das richtige Mischverhältnis zu erhalten. Unsere zweite Arbeit war das Bauen einer Zwischenmauer auf dem Dachboden. Dabei hat uns die Architektin sieben verschiedene Techniken erklärt, an die wir uns dann versuchen durften (Adobe, rammed earth, light clay, wickel, …). Hierbei konnte jeder seine eigenen Ideen verwirklichen (Fensterglas oder ein kleiner Panda ;) ) Meiner Meinung kann sich das Ergebnis sehen lassen! (siehe Foto). Als nächstes durften wir den Boden auslegen, das haben wir innerhalb eines Workshops mit strikten Zeitplänen durchgeführt. Und am Schluss des Camps hatten wir die Ehre, eine Wand unter dem Dach mit unserem eigenen Design dekorieren zu dürfen. Und das alles mithilfe von natürlichen Materialen (Lehm, Sand, Wasser, Stroh) und unter Aufsicht der Architektin!

Freizeit

Wir arbeiteten jeden Tag der zwei Wochen morgens von 9 Uhr bis Lunch (14-15 Uhr) mit Ausnahme der An- und Abreisetage und ein Tag in der Mitte. Nach dem Lunch durften wir machen, was wir wollten. Meistens haben wir in den Hängematten im Garten der Gastgeberin enspannt, gelesen, mit dem zweijährigen Sohn gespielt. Mehr ging am Nachmittag nicht, da es zu heiß war (sonnig bei 35 Grad). Manchmal haben wir freiwillig weitergearbeitet, weil es uns so Spaß gemacht hat. An unserem freien Tag hat uns die Workcamporganisation von Serbien zum nächsten Fluss gefahren, wo wir auch eine Führung durch die Umgebung bekommen haben (Titel Hill). Außerdem hatten wir regelmäßig Gäste der Architektin, einschließlich Reporter, Freunde, Interessierte aus aller Welt, Professoren und das Kamerateam des serbischen Nationalfernsehens zu Besuch. Also alles in einem bestand das Camp nicht nur aus Alchemie, sondern auch aus Vorträgen (auch zu Permakultur, Feminismus), Interviews und für die Kamera posen.

Also ein Rundum-Paket für an Umwelt und Nachhaltigkeit interessierte Menschen! Jeden Tag mussten wir uns auf was Neues einlassen und dies hat das Camp besonders lebendig gemacht.

Menschen

Serben sind wahnsinnig hilfsbereit und nett. Ich habe sowohl bei der Anreise als auch Abreise Menschen getroffen, die mich vom Ticketkauf bis zum Gleis begleitet haben. Außerdem bestand unser Camp aus drei Serben, einer Ukrainerin und mich. Ein sehr kleines Camp, aber das gab Gelegenheit zu sehr intimen und tiefen Gesprächen, wodurch wir uns innerhalb von zwei Wochen sehr gut kennenlernen konnten. Ich habe durch all die Gäste und Teilnehmer des Camps sehr viel über die Geschichte und Kultur des Balkans gelernt.

Unsere Gastgeberin Dragana ist die geduldigste und fröhlichste Person, die ich kenne. Sie hat uns mit Begeisterung von ihrer Arbeit erzählt und uns angesteckt. Sie hat in vielen Ländern gearbeitet und studiert und steckt voller Geschichten und Offenheit.

Fazit

Bereits bei der Wahl des Workcamps ist mir aufgefallen, dass die äußeren Zustände (Unterkunft in Zelten) nicht vergleichbar gut ist mit anderen (richtige Betten in Hütten, … ). Ich habe mich dennoch für dieses Camp wegen der Arbeit entschieden und muss sagen, ich bereue es auf keinen Fall! Wenn dich die Arbeit begeistert und die Gastgeberin so freundlich und zuvorkommend ist, wenn du einen Sinn hinter der Arbeit siehst und dich jeden Tag aufs Neue auf die Überraschungen freust, dann siehst du sehr gerne über die Tatsachen einer schmutzigen Dusche hinweg. Dieses Workcamp hat mir die Angst genommen, in ein mir komplett fremdes Land zu gehen und mit einer Portion Neugier und Abenteuerlust neue Menschen kennenzulernen.

 

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