Zum Inhalt springen


Ausländische Freiwillige sind in der Ukraine ein bisschen wie Einhörner: Nirgendwo sonst wurde ich je ins Frühstücksfernsehen eingeladen und Interviews sollten dir am besten keine Angst machen. Das Interesse ist einfach so groß, weil internationale Begegnungen hier leider (noch) nicht so weit verbreitet sind.

Name:Jana K.Alter:20Einsatzstelle:Rokyni Open Air MuseumInhaltliche Ausrichtung:Renovation

Ukraine, du besuchst also deine Familie? Und das ist doch gefährlich? So fielen die Reaktionen meiner Freunde aus, als ich von meinen Plänen erzählte. Aber nach Camps in Ländern wie Frankreich und Belgien wollte ich wieder mehr Kulturschock, mehr Überraschungen und vielleicht auch mehr Herausforderungen. Die Ukraine ist nicht ohne Grund noch kein typisches Reiseland und auch bestimmt nicht für jeden etwas, aber mein Monat dort war voller interessanter Erlebnisse und Erkenntnisse und mein zweiwöchiges Workcamp der ideale Einstieg.

Wenn man in einer westukrainischen Kleinstadt wie Lutsk um sechs Uhr morgens aus dem Bus steigt, ist man schlagartig in einer anderen Welt. Die Schrift ist kyrillisch, das Straßenbild unverkennbar anders, mit Englisch kommt man nicht weit. Es hilft enorm, sich das Land von seinen Bewohnern zeigen zu lassen – und genau dafür war das Camp in Rokyni perfekt. Rokyni ist ein Dorf in der Nähe von Lutsk und besitzt ein kleines Freiluftmuseum für ukrainische Kultur. Dort findet man hundert Jahre alte Häuser mit vielen Ausstellungsstücken, Tiere, eine Mühle und eine kleine Holzkirche.

Unsere Gruppe bestand aus 12 jungen Leuten aus Ländern wie Mexiko und der Türkei, aber auch Frankreich oder Tschechien. Drei Teilnehmer, darunter die Campleiterinnen, waren Ukrainer und konnten uns so viele Dinge zeigen, die uns sonst entgangen wären.

Die Arbeit
Vormittags waren wir damit beschäftigt, die Arbeiter des Museums bei der Erhaltung der Stücke zu unterstützen. Beim Streichen, Malen, Heu umdrehen und Mauerwerk ausbessern lernten wir viel über die Geschichte der Region und die Lebensweise ihrer Bewohner in der Vergangenheit. Es gab viel zu tun und somit auch extrem vielfältige Arbeit, wie ich sie in noch keinem Camp gehabt habe. Ausländische Freiwillige sind in der Ukraine ein bisschen wie Einhörner: Nirgendwo sonst wurde ich je ins Frühstücksfernsehen eingeladen und Interviews sollten dir am besten keine Angst machen. Das Interesse ist einfach so groß, weil internationale Begegnungen hier leider (noch) nicht so weit verbreitet sind. An die ukrainische Arbeitsweise muss man sich aber etwas gewöhnen, wenn man sonst deutsche Pünktlichkeit gewohnt ist...

Freizeit
Nachmittags lernten wir viel über die Ukraine der Gegenwart. Neben Workshops, in denen wir zum Beispiel Ziegen melkten und ukrainische Maultaschen herstellten, waren vor allem die vielen Gespräche und Unternehmungen lehrreich. Wir hatten Lektionen wie „Busfahren auf Ukrainisch“, schauten uns die historische Altstadt von Lutsk an und verbrachten Abende am See und auf einen Rockfestival. An Spaß mangelte es also definitiv auch nicht. Nicht immer ganz einfach waren dafür die Diskussionen über Themen wie Geschlechterrollen, Glaube oder Nationen, aber das gehört eben auch dazu, wenn man aus der eigenen Komfortzone raus will. Es war toll, zu sehen, wie der Austausch einige für Länder begeisterte, mit denen sie vorher nichts zu tun hatten. Wirklich schockiert hat mich jedoch der Antisemitismus, dem ich begegnete. Einige Dinge, die ich sonst bestenfalls aus Onlineforen kenne, wurden hier ohne Probleme ausgesprochen. Im Rückblick war das der schwierigste Teil meiner Reise.

Was solltest du beachten, wenn du in die Ukraine willst? Erst einmal: der Krieg war stets mehrere hundert Kilometer von mir entfernt. Wer nicht gerade in den tiefsten Osten der Ukraine reist und natürlich die Reisewarnungen beachtet sollte keine Probleme haben. Viel wichtiger ist die richtige Einstellung. Sprachprobleme gehören dazu, die Toiletten sind anders, Touristen wird nicht unbedingt so geholfen wie in anderen Ländern und so manch eine Meinung kann, wie gesagt, einfach ziemlich krass sein. Dafür bietet die Ukraine dir: die Möglichkeit, die Welt aus einem anderen Winkel zu sehen, Vorurteile zu überprüfen und Menschen kennenzulernen, mit denen es leider viel zu wenig Austausch gibt. Die Ukraine ist eben viel mehr als nur Krieg. Sie hat wunderschöne Seiten und das Camp in Rokyni hat mir viele davon gezeigt. Wer spannende Arbeit und Freizeitaktivitäten sucht, wer das Land besser verstehen und Einheimische kennenlernen möchte und dabei auch bereit ist, seine eigenes Land vorzustellen und seine Denkweisen zu testen, der ist hier genau richtig.

 

Der Inhalt der Berichte liegt in der Verantwortung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors.